Aesthetica Short Film Festival 2016

04.- 06.11.2016
Ein Bericht von David N. Koch (Nachspielzeit)

York im Norden Englands, wo das Aesthetica Magazine für Kunst und Kultur jährlich das Aesthetica Short Film Festival veranstaltet, ist eine schöne, malerische Stadt. Eine Reise ist sie allemal wert, und der Anlass war für mich umso erfreulicher. In diesem Jahr liefen etwa 400 Kurzfilme aus über 40 Ländern in 12 Kategorien und Sonderscreenings. Durch die differenzierte Aufteilung waren die Filme innerhalb der Kategorien auch wirklich miteinander vergleichbar, schließlich ging es auch um die Preise der jeweiligen Sektionen. Zusätzlich gab es noch spezielle Screenings außerhalb der offiziellen Auswahl. Trotz der relativ hoch wirkenden Zahl an Filmen, betrug die Auswahlquote in diesem Jahr nach Angaben der Veranstalter lediglich 13% – es kann also von mehr als 3.000 Einreichungen ausgegangen werden. Die enorme Vorausplanung und Logistik vor Ort ist zu erahnen und angenehm professionell spürbar. Alle Mitarbeiter und Volontäre des Festivals waren sehr freundlich, offen und erfrischend unprätentiös locker. Die Teilnahme hat Spaß gemacht. Als Filmemacher bekam ich ein Paket, das mir 50% Ermäßigung auf die Screening Pässe und die Masterclasses, sowie freien Eintritt zu Networking Sessions, der Award Ceremony und zwei speziellen Sessions gab. In Anbetracht der Tatsache, dass bereits die Filmeinreichung umgerechnet 30,- Euro gekostet hatte und letztendlich die Filme das Kapital des Festivals sind, empfinde ich die 50% als etwas mau. Wenn man ehrlich ist, zeigt das Festival Kurzfilme vor zahlendem Publikum ohne selbst etwas für die Filme zahlen zu müssen und nimmt dann auch noch 50% von den Filmemachern selbst. Dies ist aber nicht nur beim ASFF so und ein eher allgemeines Problem bei einigen meist internationalen Festivals. Immerhin gibt es die 50% auch für jeden Begleiter eines Filmemachers, wovon meine zwei Mitreisenden profitieren konnten. Ein Festivalpass für den gesamten Zeitraum kostet 32 Pfund, für uns also 16 – das ist zu verkraften. Es gibt auch die Möglichkeit, einzelne Tagespässe zu erwerben, ab drei Tagen lohnt sich das nicht mehr. Die Screenings waren gut besucht. Die Reaktionen auf meinen Film “Nachspielzeit“ waren schön mitzuerleben und wie ich es mir gewünscht hatte. Es gab zahlreiche Blöcke und es war für uns zeitlich unmöglich, alle Screenings zu sehen. Jeder Block wurde täglich mehrmals an verschiedenen Veranstaltungsorten gezeigt. Ob es rein theoretisch möglich ist, alle Screenings zu sehen, kann ich nicht sagen; für uns war es nicht praktikabel. Es gibt in der Yorker Bibliothek allerdings die Möglichkeit, sich alle Filme am Rechner abzurufen. Die sogenannte “Videoteque“ ist von 10:00 bis 16:30 geöffnet und ein Raum mit vielen Computern und Kopfhörern. Hier kann man entspannt nachholen, was man verpasst hat. Atmosphärisch hat York sehr viel zu bieten. Das gilt auch für alle Veranstaltungsorte, sei es die altwürdige Universität oder das hippe Lokal. Das 117 Seiten starke Programm führt den Besucher mit Tagesplan und Karte zu den einzelnen Orten. Die Screenings fanden zum Großteil nicht in Kinos statt, das hat aber nicht gestört. Projektoren, Leinwände und Soundsysteme waren von ausreichender Qualität. Lediglich die Abspielformate waren ein Wermutstropfen. Festivalstandard sind Quicktimedateien, immerhin in ProRes – H.264 wird bei Problemen mit Bandweiten auch akzeptiert. Bei einigen Beiträgen war die daraus resultierende Kompression schon sichtbar, und das Bildformat war immer 16:9. Auf einer breiten King Size Leinwand (wie etwa im Yorkshire Museum) liefen Scope Filme also mit Balken oben, unten, links und rechts. Es ist allerdings verständlich, dass bei der Fülle an Orten mit unterschiedlichen technischen Ausstattungen keine DCPs angenommen werden können. Es ist eher bemerkenswert, dass sich trotz der Abstriche die Abspielqualität überall auf einem ähnlichen Level befand. Inhaltlich konnte sich die Qualität wirklich sehen lassen. Die Filme waren auf einem hohen professionellen Niveau, wir fühlten uns in guter Gesellschaft. Es war schön, ein Teil dieser Auswahl zu sein. Die Anerkennung, die den Filmemachern gegenüber erbracht wurde, war ebenfalls sehr angenehm spürbar. So war auch der Zugang zu den Networkingsessions recht unbürokratisch. Ich hatte zwar Eintrittskarten für diese, musste sie mit meinem “goldenen“ Filmmaker Pass aber gar nicht vorzeigen, und auch meine Begleiter konnten einfach und unkompliziert mitkommen, wenn noch Plätze vorhanden waren. Daraus ergibt sich natürlich die Frage, inwieweit es sich lohnt, Einzelveranstaltungen im Voraus zu buchen – auch wenn das nicht teuer ist. Wenn man unbedingt einem bestimmten Event beiwohnen möchte, sollte man gewiss sicher gehen. Aber vor allem bei den so genannten Masterclasses drängt sich mir die Frage auf, ob die kostenpflichtige Buchung im Voraus sinnvoll ist. Denn diese sind der größte Kritikpunkt, den ich an dem Festival habe. Die Bezeichnung “Masterclass“ scheint mir etwas hochgegriffen. Eine Stunde lang erzählen gestandene Medienberufler über ihren Alltag vor bis zu 200 Teilnehmern, die am Ende noch ein paar Fragen stellen können. Die Filmographie der Redner lässt sich sehen und reicht von Major Blockbustern bis hin zu Insider Arthousefilmen. Was vermittelt wird, war aber zumindest in den Classes, die ich besucht habe, banal und reichte bis hin zu privaten Anekdoten. Das ist auch nett anzuhören, ich habe mir aber etwas anderes vorgestellt. In einem Fall betrug der wirklich fachliche Teil maximal 10 Minuten und war gegebenenfalls für diejenigen interessant, die im Ansatz überhaupt gar nicht wissen, wie eine Filmherstellung funktioniert. Geschadet hat es sicher nicht, dabei gewesen zu sein, nur würde ich persönlich keine Masterclass beim ASFF mehr buchen – es sei denn, ich will den Gast unbedingt sehen. Ansonsten bietet das Festival viel Raum für Filmemacher, um zusammenzukommen. Es gab in diesem Jahr das Event “Meet the Festivals“, auf dem sich Filmfestivals an ihren Ständen vorgestellt haben. Auch hier war die Atmosphäre angenehm locker und das Eis wurde schnell gebrochen. Das gegenseitige Interesse war spürbar und ehrlich. Das Gleiche gilt für die Networking Sessions und das Event “Meet the Filmmakers“ (auch wenn letzteres extrem überfüllt war). Neu in diesem Jahr war die fast tägliche Veranstaltung “Little Café at McGees“, die in der Kunstgalerie “According to McGees“ stattfindet. Es handelt sich um moderierte Podiumsgespräche für ein kleines Publikum (keine Reservierungen, also rechtzeitig hingehen) zwischen am Festival teilnehmenden Filmemachern. Die Abschlussveranstaltung und Preisverleihung kam ohne unnötigen Schnickschnack aus und hatte trotzdem die angemessene Feierlichkeit. Insgesamt fühlte ich mich sehr wohl und wertgeschätzt. Etwas Eigeninitiative und Offenheit auf der eigenen Seite ist sicher notwendig und man sollte sich auch darauf einstellen, diese bei den diversen Sessions mitzubringen. Es wird einem aber nicht schwer gemacht. Mit vielen Eindrücken und Visitenkarten bin ich wieder nach Hause gefahren. Den konkreten Deal hat das Festival für mich nicht gebracht, das war aber auch gar nicht mein Ziel. “Nachspielzeit“ wurde von einem großen Publikum in einer starken Auswahl gesehen, ich selbst habe viele interessante Kurzfilme gesehen und habe – wenn auch erst einmal flüchtig – viele interessante Menschen kennen gelernt. Das ASFF 2016 war für mich eine schöne Erfahrung.

www.asff.co.uk