Seattle International Film Festival 2009

21.05.-14.06.2009
Bericht von Matthias Vogel und Thomas Oberlies (ARBEIT FÜR ALLE)

Das Seattle International Film Festival ist nach eigenen Angaben das größte Filmfestival Amerikas. Das liegt wahrscheinlich daran, weil sie das an den Zuschauerzahlen bemessen, und weil das Festival einfach unfassbar lange dauert, nämlich 25 oder 26 Tage, kommen da schon ein paar zusammen. Unser Dokumentarfilm ARBEIT FÜR ALLE wurde mit 100 anderen Kurzfilmen zum Shortfest eingeladen, so eine Art Kurzfilmfestival im Langfilmfestival, das an einem Wochenende in der Mitte der 25 Tage stattfindet. Sehr schöne Idee, dachten wir, dann sind alle Kurzfilmemacher am selben Wochenende da und man hat wahrscheinlich ziemlich viel Spaß.

In drei weiteren Mails wurden wir ebenfalls zum Shortfest eingeladen und uns wurde ein Hotel reserviert und als wir den Flug gebucht hatten, teilte man uns mit, dass unser Screeningtermin jetzt doch eine Woche vorher ist, weil wir zusammen mit einem norwegischen Nazi-Zombie-Film namens DEAD SNOW gezeigt werden. Nachdem wir zu diesen Terminen unmöglich konnten und eine Umbuchung oder Stornierung völlig unbezahlbar war, sind wir dann also ein bisschen mit gemischten Gefühlen nach Seattle geflogen, um die Nordamerika-Premiere unseres Kurzfilms um ein paar Tage zu verpassen.

Schöne Überraschung vor Ort: Unser kleiner Dokumentarfilm kam beim Publikum des norwegischen Nazi-Zombie-Films sehr gut an, deswegen teilte uns Dan Doody, Programmleiter der Kurzfilmsektion und ein ausgesprochen freundlicher Filmenthusiast, bei unserer Ankunft mit, dass man den Film jetzt kurzerhand nochmals zeigt, in der mit „nightmare factory“ bezeichneten Wettbewerbssektion Samstag nachts. Von soviel Unbürokratismus beeindruckt und erfreut sahen wir uns erst einmal ein bisschen in Seattle um.

Die Stadt selbst ist wunderschön, sauber, ruhig, zwischen Gewässern und Bergketten gelegen und wahnsinnig grün und verkehrsberuhigt. Überall sind kleine Plätze, Grünanlagen und Springbrunnen, Menschen sitzen entspannt in der Sonne und lesen Bücher. Kaum zu glauben, dass diese Stadt für ihre wütende Rockmusik bekannt ist. Irgendwie hatte das Ganze etwas sehr Schweizerisches. Vielleicht liegt das an der Nähe zu Kanada. Vielleicht hat Obama einfach einen verdammt guten Job gemacht in seinen ersten 100 Tagen. Wir wissen es nicht. Aber es ist schön.

Wir besuchten den Baum, unter dem Courtney Love angeblich Teile der Asche Kurt Cobains vergraben hat und das Grabmal von Bruce Lee, weil wir ja nicht wussten, wann wir das nächste Mal in Seattle sind. Einmal wurde Downtown Seattle für einige Minuten für eine größere Gruppe von Fahrradfahrern gesperrt, was eigentlich gar nicht nötig gewesen wäre, weil sowieso fast keine Autos unterwegs waren.

Das Shortfest selbst findet im SIFF Cinema statt, einer Art großem Gemeindezentrum mit Ballett- und Opernsaal, Kino, Sporthalle und Brunnen. Daneben die weltberühmte Spaceneedle und ein kleiner Vergnügungspark. Vom wunderbar heimeligen Omahotel, in dem alle Kurzfilmemacher untergebracht sind, ein Spaziergang von 5 Minuten.

Das Kino selbst hatte 300 Plätze, die aber nur im Eröffnungsprogramm und im Familienprogramm, das mit dem neuen WALLACE AND GROMIT lockte, ausverkauft waren. Ansonsten besuchten vielleicht 50 bis 100 Personen die Blocks, viele davon waren anwesende Filmemacher. Vielleicht hatten wir in diesem Jahr allerdings auch ein bisschen Pech, denn das Wetter war wirklich traumhaft schön und sämtliche Einheimischen wurden nicht müde zu erwähnen, dass es normalerweise in Seattle grundsätzlich regnet.

Das Kurzfilmfest – wie überhaupt das ganze Filmfest in Seattle – richtet sich eindeutig mehr an ein breites Publikum als an Fachbesucher. Wir trafen häufig Zuschauer mit dem unglaublich teueren Platinum-Festivalpass, der sich überhaupt nur lohnt, wenn man in den 25 Tagen mehr als 100 Vorstellungen besucht. Ein Besucher versicherte uns glaubhaft, in den ersten Festivaltagen schon 40 Langfilme gesehen zu haben, obwohl er noch 2 Jobs und eine pflegebedürftige Mutter hat. Eine ältere Dame erzählte uns, dass sie vor 20 Jahren nur wegen des Filmfestivals nach Seattle gezogen sei und fragte uns aus über deutsche Kurzfilme, die sie vor mehr als 15 Jahren auf dem Shortfest gesehen hatte. Zwischen so viel Enthusiasten fühlt man sich als Filmemacher natürlich wunderbar wohl. Ein lustiger Festivalmacher buchte unseren Film für sein Couch-Film-Festival, wo er an einem Tag hunderte von Besuchern durch die privaten Wohnzimmer von 25 teilnehmenden Abspiel-Familien schickt. Ein paar weitere regionale oder auf Horror und Sciene-Fiction spezialisierte Filmfestivals sprachen uns an, die den Film aber eher zufällig als Vorfilm des norwegischen Nazi-Zombie-Films gesehen hatten und wohl nicht systematisch nach Kurzfilmen fahnden.

Die große Shortfest-Festivalparty fand kurioserweise in einem Burger-Restaurant statt. Neben einem Buffet, das nur sehr schwerlich Kombinierbares zu bieten hatte, gab es eine angenehm hemdsärmelige Verlesung der Jurypreise. Die Zeremonie dauerte ungefähr 2 Minuten. Anschließend verließen einige amerikanische Jungregisseure schweigend den Raum und wurden in Limousinen davongefahren in die amerikanische Nacht. Mit unseren neu gewonnenen Freunden hätten wir dort gerne noch ein bisschen weiter gefeiert, aber das Burgerrestaurant fing an, die Stühle auf die Tische zu stellen, und da Sonntag Nacht um 1.00 Uhr Sperrstunde in ganz Seattle ist, fuhren wir zurück ins Hotel und versammelten uns in großer Runde im Hotelzimmer eines schwedischen Regisseurs. Dieser hatte glücklicherweise einige Weinvorräte - unser Versuch in einer Millionenstadt mit 24-Stunden-Supermärkten Sonntag abends Bier zu organisieren war zuvor leider kläglich gescheitert.

Kurzum: Seattle ist ein ausgesprochen angenehmes Festival in erstaunlich unaufgeregter Atmosphäre in einer erstaunlich entspannten und ruhigen amerikanischen Großstadt und kann jedem Kurzfilmregisseur ohne Bedenken empfohlen werden. Und wenn ihr schon mal da seid, solltet ihr auf jeden Fall den Pike Place Market besuchen und im Athenian Seafood Restaurant ein paar Vorspeisen durchprobieren. Hier hat Tom Hanks in SLEEPLESS IN SEATTLE gesessen und schmecken tut es auch ganz hervorragend.

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