New York Film Festival 2009

2.-4.10.2009
Bericht von Sylvia Schedelbauer (WAY FARE)

"The 13th edition of the New York Film Festival’s essential experimental film showcase features eleven programs screening in the Walter Reade Theater."
Kurz und prägnant wird der Festivalrahmen beschrieben, in dem mein Film ‚way fare’ am 4.10.2009 Premiere hat. Das erste Programm am Freitag, Pier Pasonlini und Giuseppe Bertoluccis “La Rabbia di Pasolini”, kann ich zu meinem Bedauern nicht wahrnehmen, da mein Flug 20h Verspätung hat.

Für mich geht es also mit dem Begrüßungsdinner los, das in einem Restaurant am Broadway in der Nähe des Lincoln Centers stattfindet. Die Kuratoren Gavin Smith und Mark McElhatten stellen sich bei jedem Einzelnen persönlich vor. Überhaupt entsteht sofort eine sehr persönliche Stimmung, obwohl 30 bis 40 Personen anwesend sind. Man nimmt sich Zeit, unterhält sich, lernt sich kennen. In erster Linie ist aber man aber da, um sich mit Experimentalfilmen zu beschäftigen. Diese finden bei “Views” eine Plattform, die sehr viel Raum einnimmt, nicht nur am Wochenende selbst. Die ganze darauffolgende Woche ist Experimentalfilmen gewidmet; als Zusatz zum offiziellen Festivalprogramm gibt es sechs Veranstaltungen mit dem Titel “Walking Picture Palace” im Anthology Film Archives und ein ‘abschließendes’ Screening bei Light Industry in Brooklyn.

Obwohl das Festival kein Budjet für Fahrtkosten oder Unterkunft hat, reisen Filmschaffende aus Los Angeles, San Francisco, Chicago, Montreal, Toronto London und Berlin an. Im Walter Reade Theater trifft man auf bekannte Filmemacher wie Jem Cohen oder Jonas Mekas, die da sind um sich einzelne Programme anzusehen. Daichi Saito ist ein japanischer Experimentalfilmemacher, der seit fast 17 Jahren in Canada lebt. Er sagt mir, dass er so oft wie möglich kommt, auch wenn er keinen Film zeigt. Dies trifft auch für andere zu. Ich habe den Eindruck, dass alle sehr viel Respekt haben: vor diesem Forum, den Filmen und den Begegnungen. Ich freue mich sehr dabei zu sein. Ich habe das schöne Gefühl, an einem Ort zu sein, an dem die gemeinsame große Leidenschaft für Film eine enge Verbundenheit bedeutet; Wahrnehmungen, Inhalte und Formen werden intensiv diskutiert. Auch wenn das Lincoln Center gar keinen gesonderten Raum stellt, in dem man sich aufhalten kann, unterhält man sich unentwegt. Zwischen den Screenings, im Foyer, auf der Terrasse in der Sonne, in der Kneipe am Abend, in der U-Bahn oder im gemeinsamen Taxi nach Brooklyn. Das Bedürfnis nach Austausch ist größer als dass die Architektur des Festivals die Stimmung beeinflussen könnte. Die Atmosphäre wird allein von den Anwesenden bestimmt und ich finde sie sehr schön. Natürlich sind außer den Filmemacherinnen auch Kuratorinnen, Kritikerinnen, Museumsleiterinnen und andere Kulturproduzentinnen anwesend.

Neben überwiegend neuen Arbeiten werden einige historische Raritäten des Avantgardefilms gezeigt. Die Programme sind sehr sorgfältig kuratiert und spannen einen Bogen, der mit stillen, anthropologischen Beobachtungen anfängt und mit lauten, strukturalistischen und performativen Bild-Ton-Experimenten aufhört. Daichi Saitos 35mm Film “Trees of Syntax, Leaves of Axis” ist eine wunderschöne Kollaboration mit dem Komponisten/Violinisten Malcolm Goldstein und stimuliert die audiovisuellen Sinne, und Bruce McClures Three-Projector-Film-Performance “Cong in our Gregatinoal Pom Poms” erregt die Synapsen mit den rhythmischen 16mm Flickerloops. Am besten gefällt mir persönlich das “Tribute to Chick Strand”, in dem ich einige Filme der 2009 verstorbenen Filmemacherin zum ersten Mal sehe. Weitere meiner Favoriten sind Apichatpong Weerasethakuls “A Letter to Uncle Boonmee” sowie Michael Robinsons “If There Be Thorns”.

Fünf Filme aus Deutschland bilden den größten Anteil europäischer Arbeiten: “Contre-jour” von Matthias Müller und Christoph Girardet, “Zum Vergleich” von Harun Farocki, “H(i)J” von Guillaume Cailleau (der ebenfalls aus Berlin angereist ist), “Wound Footage” von Thorsten Fleisch, und mein eigener Film “way fare”. Dieser läuft in einem Programm, das mit einer sehr ungewöhnlichen Vorführung beginnt: ein Film ohne Titel von Norman Mailer aus dem Jahr 1947, vom Künstler selbst verloren geglaubt. Tatsächlich wurden Teile dieser Arbeit erst nach seinem Tode an verschiedenen Orten gefunden und als Film wieder zusammengesetzt. Die Hauptdarstellerin Millicent Brower ist anwesend. Ich weiß gar nicht, was ich faszinierender finde — die Tatsache, dass der Film solange verschollen geglaubt war, dass er posthum rekonstruiert wurde oder dass Millicent Brower 62 Jahre nach Entstehung des Films auf der Festivalbühne steht, um ihn vorzustellen. Ein weiteres seltenes Kinoerlebnis war “Vibration” von Jack Bond und Jane Arden aus dem Jahr 1974. Beide Filme stellen die anderen, neuen Arbeiten in einen offenen filmhistorischen Dialog. Einen besseren Rahmen hätte ich mir für die Premiere meines eigenen Films nicht wünschen können. Zudem fügt es sich, dass der japanische Filmemacher Tomonari Nishikawa seinen Film im selben Programm zeigt. Wir unterhalten uns viel, unter anderem über Plattformen des Experimentalfilms in Japan. Er präsentiert im Februar 2010 beim “Festival for Art and Alternative Visions” in Tokio ein Programm, in dem er meinen Film zeigen will, den er hier bei “Views” entdeckt hat. Ich freue mich sehr, dass “way fare” mein erster Film ist, der in meinem Geburtsland Japan aufgeführt wird.

Für mich hat sich die Reise nach New York in jedem Fall gelohnt. Es war ein sehr schönes Erlebnis, die Filme in einem intensiven und anregenden Kontext zu sehen und zu besprechen. Auch habe ich sehr viele neue Kontakte geknüpft und mit einigen stehe ich immer noch in Verbindung. Nicht zuletzt habe ich sehr viel Zuspruch für meine Arbeit bekommen, teilweise sehr überschwenglich amerikanisch. Ich würde jederzeit wieder hinfahren.

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