Kinoforum - Festival Internacional de Curtas-­Metragens de São Paulo 2009

20.-28.08.09
Bericht von Vika Kirchenbauer (WE - 1st PERSON PLURAL)

Ich komme zwei Tage vor Festivalbeginn in São Paulo an. Renato von Kinoforum holt mich vom Flughafen ab. Er hat sich dafür ein Auto leihen müssen, da er sein eigenes dienstags tagsüber nicht in der Stadt benutzen darf. Alle angemeldeten Fahrzeuge dürfen an jeweils einem Wochentag im Zuge der angestrebten Verkehrsverminderung bis 20 Uhr nicht gefahren werden. Das System finde ich egalitärer als die Öko-Plakette, die ich aus Berlin kenne.

Mir bleiben zwei Tage, um in Ruhe die Stadt zu erkunden. Ich entscheide mich, mit meiner Kamera durch die Straßen zu laufen. Mir begegnen Busse, die nach Eldorado, Paraíso und Alphaville fahren. Das finde ich äußerst metaphorisch und filme sie.

Ich versuche schon mal, einige der Kinos zu finden. Die Stadt ist riesig und mir wird klar, dass einige Orte einfach zu weit weg sind, um meinem ambitionierten Festivalplan gerecht zu werden.

Ich finde einen Laden für religiöse Artikel, der übersetzt Sankt Judas heißt und wundere mich, dass dieser Apostel es in religiösen Kreisen zu solch Ruhm gebracht hat. Vielleicht, weil er der katholischen Kirche mit einem liebevoll inszenierten Abendmahl und der Kreuzigung ein recht knackiges Corporate Design ermöglicht hat?

Am frühen Abend lerne ich Gilberto Scarpa kennen, mit dem ich mir das Zimmer teile. Er ist sehr herzlich und organisiert spontan einen Barabend mit einigen Videokünstlern wie Eder Santos und Dellani Lima (der übrigens Frank Zappa zum Verwechseln ähnlich sieht), deren Arbeiten ich sehr schätze. Gilberto Scarpa ist jedoch auch ein sehr dominanter Mensch und ich schaffe es nicht, mich rauszureden als er mich dazu nötigt, eine ganze Reihe von Cachaça-Arten zu probieren.

Am nächsten Abend ist die offizielle Festivaleröffnung. Mit Bussen werden wir vom Hotel abgeholt. Ich fühle mich etwas desorientiert, bin darüber jedoch nicht überrascht und stehe gekonnt unauffällig in der Menge und warte bis es vorbei ist.

Im Anschluss habe ich meine erste Erfahrung mit den After Hour Events, die vom Festivalteam nächtlich veranstaltet werden.

Vom Festival selbst bin ich restlos begeistert. Die Internationalen Programme sind sehr gut kuratiert und gehen weit über die sonst leider oft üblichen “Best Of Big Festivals” Programme hinaus. Man hat das Gefühl, dass die Einreichungen wirklich angeschaut werden und auch mutige Entscheidungen getroffen werden. Gleiches gilt für die Lateinamerikanischen Programme, die sich auch durch eine sehr hohe qualitative Dichte auszeichnen. Dazu kommt dann noch ein Brasilianisches Programm, ein reines São Paulo Programm sowie eine Vielzahl von Neben- und Spezialprogrammen.

Dass das Festival in Südamerika für Kurzfilme als das Wichtigste und Beste verstanden wird überrascht mich nicht.

Es wird neben vielen FilmemacherInnen deshalb auch unter anderem von KuratorInnen aus Cannes, Clermont-Ferrand, Vila do Conde, Trondheim, Paris, Athen, Hamburg und Tampere besucht. Die German Films und AG Kurzfilm Materialien kann ich da natürlich mühelos loswerden.

Das ganze Festivalteam ist sehr nett und unkompliziert. Es gibt jeden Tag kleine Ausflüge und Programme für die eingeladenen Gäste. Die ursprünglich aus Frankreich stammende Kuratorin des Internationalen Programmes, Anne Fryszman, nennt mich wegen meines kanadischen Akzentes gerne Céline Dion.

Die ganze Atmosphäre in und um die Cinemateca Brasileira ist sehr angenehm und durch den großen Barbereich kommen BesucherInnen und Gäste untereinander sehr leicht ins Gespräch.

Die drei Vorführungen meines Filmes laufen alle sehr gut und ich freue mich sehr über das gute Feedback, bin aber in Präsentation und Gesprächen gewohnt unbeholfen. Da ich aber ja schon fast den ganzen Film durch plappere, ist das aber sicher nicht schlimm; versuche ich mir einzureden.

Ich hatte auf jeden Fall eine ganz tolle Zeit in São Paulo und kann das Festival sowohl FilmemacherInnen und KuratorInnen nur ans Herz legen.

Jetzt bin ich wieder in Berlin und freue mich, dass in einigen Tagen Marcio Miranda Perez, der Kurator des Lateinamerikanischen Programmes, auf seiner Europareise einen Abstecher nach Berlin macht, um seinen eigenen Kurzfilm “Tauri” im von mir kuratieren Kurzfilmprogramm der Raumerweiterungshalle zu zeigen.

Dort werde ich auch weitere Entdeckungen des Festivals in den kommenden Wochen immer wieder in die Programme einbauen können.

www.kinoforum.org