Media City Film Festival 2010

25.-29.05.2010
Bericht von Volko Kamensky (ORAL HISTORY)

Vom 25. bis 29. Mai 2010 fand das 16. MEDIA CITY FILM FESTIVAL in Windsor/Kanada statt. Das Festival bezeichnet sich selbst als internationales Festival der Film- und Videokunst und wird von Oona Mosna und Jeremy Rigsby geleitet. Neben dem internationalen Wettbewerb (in dem auch mein Film ORAL HISTORY präsentiert wurde), gliedert sich das Festival in eine kanadische Sektion und eine noch engere regionale Sektion, in der Filme aus dem kanadischen Ontario und dem US-Staat Michigan laufen. Des Weiteren wartet das Festival mit Retrospektiven, sowie Kollaborationen mit der örtlichen Kunsthalle und eigenen Printpublikationen auf. Insgesamt wurden in diesem Jahr 75 Filme präsentiert. Das Hauptaugenmerk gilt experimentellen Formaten unterschiedlicher Laufzeit.

Ich selbst war über die Homepage des BFI auf MEDIA CITY gestoßen, bis dorthin war es mir unbekannt. Die Beschreibung des Festivals, sowie die beeindruckenden Programme der vergangenen Jahre überzeugten mich schnell von einer Einreichung. Nach Zusage der Festivalteilnahme bin ich am 25. Mai 2010 nach Detroit/USA gereist, da internationale Flüge dorthin deutlich günstiger ausfallen, als die Verbindungen nach Windsor/Kanada. Noch an der Gepäckausgabe enttarnte mich Ute Aurand als möglichen Festivalteilnehmer. Auch Ute besuchte das Festival zum ersten Mal. Allerdings hatte sie schon im Vorjahr mit einem Film am Festival teilgenommen und den ersten Preis gewonnen.

Ein Fahrer von MEDIA CITY holte uns am Flughafen ab und fuhr mit uns zur Eröffnungsveranstaltung ins Burton Theatre in Downtown Detroit. Die Festivalleitung hatte dieses Jahr erstmalig außerhalb von Windsor den Eröffnungsabend angesetzt, und so fand man sich plötzlich in der Aula einer leerstehenden Grundschule wieder, in die Filmbegeisterte ein Kino gebaut hatten. Der Gebäudezugang war schwer zu finden, doch der Kinosaal überraschend voll. Mit Erie von Kevin Jerome Everson wurde das Festival eröffnet. Anschließend der Film in Anwesenheit des Filmemachers rege diskutiert.

Schon am Eröffnungsabend zeigte sich das Selbstverständnis des Festivals sehr deutlich. Mit seiner kompromisslosen und teils sperrigen Auswahl, überrascht es mit einer sehr freundlichen und aufmerksamen Gesprächskultur und beweist wie man anspruchsvolle Filme an den unmöglichsten Orten präsentieren kann. Damit meine ich nicht nur das Burton Theatre in Detroit sondern insbesondere die Heimatstadt des Festivals Windsor. Auch das Capitol Theatre, dem Hauptveranstaltungsort des Festivals in Windsor, ist alles andere als ein schickes und komfortables Kino. Es ist vielmehr ein in die Jahre gekommener Theatersaal, der für das Festival mit der nötigen Vorführtechnik bestückt werden muss. Doch auch hier überrascht die Qualität: nach Anlaufschwierigkeiten am ersten Festivaltag, überzeugt dieses Festival auch technisch mit den unterschiedlichsten Filmformaten. Es ist lange her, dass ich eine so gute 16mm-Projektion gesehen habe, und wohl noch nie habe ich eine so hochwertige leinwandfüllende Super8-Projektion gesehen wie hier.

Ungewöhnlich ist auch die durch Einfachheit bestechende Struktur des Festivals: Es gibt nur einen Saal und jeder Film wird je ein Mal gezeigt und im Anschluss diskutiert. So konkurriert man nicht um Aufführungsorte und Aufmerksamkeit, und auch inhaltlich schwer zugänglichen Produktionen werden nicht automatisch von den scheinbar unterhaltsameren ins Abseits gedrängt. Beeindruckend ist auch, mit welcher Feierlichkeit es den Festivalbetreibern gelingt, für jeden dieser so unterschiedlichen Filme eine passende Präsentation zu bieten. Man begreift schnell warum MEDIA CITY in Nordamerika unter Filmemachern und Filminteressierten einen sehr guten Ruf hat, und viele zum wiederholten Male vor Ort sind. Durch die reduzierte und konzentrierte Grundstruktur ist es möglich alle am Festival teilnehmenden Filme und ihre Macher kennen zu lernen. Wie von selbst findet man sich auch nach den Vorführungen wieder zusammen, um die Filme weiter zu besprechen und sich auszutauschen.

Neben den zahlreichen Filmemachern (aus Deutschland war neben Ute Aurand und mir auch Jana Debus vor Ort) wird das Festival auch von nordamerikanischen Festivalbetreibern und Kuratoren besucht. Auffällig ist das große Interesse an europäischen Produktionen. So waren die Retrospektiven zum einen Johan van der Keuken, zum anderen Friedl vom Gröller (Kubelka) gwidmet. Letztere war neben 15 Filmen auch mit einer Ausstellung ihrer (in Europa zum Teil bislang unveröffentlichten) fotografischen Jahresportraits in der Art Gallery of Windsor vertreten.

Nach fünf sehr konzentrierten und anregenden Tagen ging das Festival am Samstag 29. Mai zu Ende. Nach einem großen Gartenfest mit Brunch (an Stelle einer Abschlussgala) und letzten Filmprogrammen verkündete die internationale Jury, bestehend aus Ellie Epp (Kanada), Sanja Grbin (Kroatien) und Erwin van 't Hart (Niederlande), ihre Preisträger. Der erste Preis ging an Daïchi Saïto mit TREES OF SYNTAX, LEAVES OF AXIS, der zweite an Mati Diop für ATLANTIQUES und schließlich der dritte an Manon de Boer für DISSONANT. Lobende Erwähnungen gab es für LOUTRON von Barbara Meter, GROUNDPLAY von Robert Todd und ALIKI von Richard Wiebe.

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