Message to Man International Film Festival 2010

17.–20.07.2010
Bericht von Christina Ebelt (WANNA BE)

Wir waren stark vertreten! Kurzspielfilme, Animationen und lange Dokumentarfilme – in St. Petersburg wurden insgesamt neun Produktionen aus Deutschland gezeigt.

Weil die Nachricht etwas kurzfristig erfolgte, musste ich allein fahren. Dies ließ sich leider nicht ändern, obwohl ich versucht hatte, andere zum Mitkommen zu überreden.
Im Hotel angekommen führte mein Weg direkt zum Festival, da ich mich akkreditieren und den Festivalkatalog durchsehen wollte. Noch am selben Abend nämlich wurde mein Film WANNA BE gezeigt: um acht Uhr, bei ausverkauftem Saal.
Das Programm war eine ziemlich bunte Mischung. Rückblickend könnte ich nicht einordnen, ob die Filme thematisch zusammenpassen sollten oder aus schlichten Geschmacksgründen in diesem Block gelandet waren – jedenfalls eine sehr interessante Auswahl, bei der mein Film als Letzter lief. Das war schön öfters der Fall, was meiner Meinung nach geschieht, weil der Film einen etwas rätselhaft und nicht gerade mit bester Laune entlässt.
Als wir alle dementsprechend niedergeschlagen aus dem Saal strömten wurde ich mehrmals aufgehalten von Leuten, die den Film mochten. Was ja auch naheliegt, da die meisten Menschen nicht unbedingt darauf bestehen, dem Künstler direkt ihren Unmut über das Werk auszudrücken. Denn die erste Reaktion auf den Film viel eher verhalten aus. Im Foyer des Kinos unterhielt ich mich also noch eine Weile mit anderen Filmemachern und Festivalbesuchern. Behinderte als Protagonisten in Filmen sind in Russland scheinbar ein sehr sensibles Thema. Dass die Figur in meinem Film ihre Behinderung „nur“ vortäuscht, wurde wohl als Tabubruch aufgefasst. Ein in Moskau lebender Ire und selbst Filmemacher waren der Meinung, das müsse der Grund für die Zurückhaltung des Publikums sein.

Nach der Vorführung sammelte mich eine Mitarbeiterin der Festivalleitung ein und so fand ich mich plötzlich auf einem Schiff wieder, mit dem wir St. Petersburg vom Wasser aus bewundern durften. Zu meiner Überraschung stellte ich fest, die einzig Anwesende zu sein, die mit einem Film auf dem Festival vertreten war. Ich hatte angenommen hier noch andere Filmemacher kennenzulernen. Aber auf dem kleinen Schiff waren nur das Team der Festivalorganisation selbst, fast alle Jurymitglieder und russische Produzenten vertreten. Alle waren sehr, sehr nett. Wein wurde gebracht und sogar kleine Häppchen. Wir haben uns über die Kinokultur unterhalten, Erfahrungen ausgetauscht und diskutiert, welche Filme man zuletzt gesehen hat, die einem nachhaltig in Erinnerung geblieben waren. Währenddessen fuhren wir gemütlich durch die Wasserstraßen der Stadt, von wo aus sich wunderschöne und gut gepflegte alte Bauten erblicken lassen und sich nach und nach ein unglaublich beeindruckendes Stadtbild entfaltete. Noch an diesem Abend wurde ich auf einen Ausflug am nächsten Tag eingeladen.

Früh am nächsten Morgen fuhren wir fast eine Stunde mit dem Auto bis wir Peterhof erreichten. Weil ich den Anblick der riesigen Brunnen- Wasserspielanlage mit vergoldeten Fontainen beeindruckend kitschig und damit auch rührend fand, musste ich kurz auflachen. Man ist wirklich für einen Moment lang erschlagen von diesem Bild. Den Vormittag haben wir in dem Park verbracht. Mittags sollte ich die traditionelle russische Küche probieren und die übliche Art des Wodka Trinkens erlernen. Den trinkt man in Russland nicht nur einfach so, sondern man isst etwas dazu und sei es nur eine Zitronenscheibe. Zurück in der Stadt sahen wir uns gemeinsam weitere Blöcke der Kurzfilmreihe an. Ich kann mich daran erinnern, dass wir an einem dieser Abende auch in einer Bar stationierten, in der jeden Abend Silvester gefeiert wird. Das haben wir dort dann auch gefeiert.
Während der Tage meines Besuchs war es sehr heiß, auch nachts, was wohl einer der Gründe dafür war, warum wir lange aufblieben. Bestimmt auch, weil wir uns als kleine nette Gruppe zusammengefunden hatten. Darunter war auch ein Dokumentarfilmer aus Finnland, der den ersten Parfumeur Finnlands portraitiert hatte. Der finnische Parfumeur sieht aus wie Georg Michael und hat bereits im zarten Alter von sieben Jahren seine erste Gesichtscreme hergestellt. Der Dokumentarfilmer jedenfalls hat überhaupt nicht geschlafen. Als wir die Hotelbar endlich verließen, fand er Gesellschaft durch die netten Damen vom Nachbartisch,. Zum Frühstücken ging ich relativ früh schon wieder runter, da saß der Finne immer noch bei Wodka, aß diesmal Müsli dazu und trank Kaffee. Mit geschlossenen Augen erzählte er von seinem nächsten Vorhaben. Als ich mit meinem Koffer vor ihm stand, um mich zu verabschieden, war es bereits Nachmittag und er hatte zu Whisky gewechselt.

Ich kann nicht genau begründen wie es dazu kam, dass ich die Tage in St. Petersburg auf diese exklusive Weise erleben durfte – aber es war sehr beeindruckend.