Fantastic Fest 2010

23.–30.09.2010
Bericht von Gregor Erler (ST. CHRISTOPHORUS ROADKILL)

Das Fantastic Fest in Austin, Texas ist das größte und wichtigste Genre-Filmfestival der USA. Hier haben Filme wie THERE WILL BE BLOOD und APOCALYPTO ihre Weltpremieren gehabt, und jedes Jahr nehmen Persönlichkeiten der Filmbranche wie Paul Thomas Anderson, Darren Aronofsky, Mel Gibson, Bill Murray, Jemaine Clement, Bill Pullman, Kevin Smith, Jon Favreau, George Romero, Mike Judge und viele andere mehr daran teil. Umso mehr haben wir uns über eine Nominierung meines Kurzfilms ST. CHRISTOPHORUS ROADKILL bei eben jenem Festival gefreut.

Einen Thriller mit Horror und Comedyelementen hat es in der Finanzierung und später Auswertung auf den ersten Blick nicht ganz leicht. Auch wenn es sich um einen hochwertigen 35mm-Kurzfilm handelt mit dem vier Studenten von zwei deutschen Hochschulen ihr Diplom gemacht haben, so war anfangs eine genaue Platzierung insbesondere diesen Stoffes bei genreaffinen Festivals sehr wichtig. Bereits beim Schreiben und später beim Schnitt des Films haben mein Editor, mein Co-Autor und ich eine Liste gemacht, auf welchen Festivals wir gerne laufen würden. Zu unserer großen Freude hat dies bei nahezu allen Festivals geklappt, so auch beim renommierten Fantastic Fest in Texas.

Austin, Texas ist innerhalb der Filmindustrie durchaus kein unbeschriebenes Blatt. Neben dem Fantastic Fest (welches vom Moviemaker Magazine in die “25 film festivals worth the entry fee” gewählt wurde - eine nicht unwesentliche Liste in Hinblick auf die Vielzahl und Höhe der Einreichgebühren bei US-Festivals) - findet in Texas und Austin neben zahlreichen Dreharbeiten großer Hollywood Studios auch der Southbysouthwest – Filmmarkt (SXSW) statt, der vermutlich wichtigste Filmmarkt für Verleiher und Produzenten auf US-amerikanischen Boden. Darüber hinaus sind hier in Austin auch die Troublemaker Studios von Robert Rodriguez ansässig, verantwortlich für Filme wie SIN CITY, SPY KIDS 1-4, FROM DUSK TILL DAWN, ONCE UPON A TIME IN MEXICO, DEATH PROOF, MACHETE.

Das Festival selbst gibt sich betont lässig. Ich kam gerade aus Korea, wo unser Film beim Punchon Int. Film Festival gerade den Jury’s Choice Award gewonnen hatte und hatte noch die Bilder von rotem Teppich, Absperrungen, Pressekabinen, Interviewtermine, Anzugpflicht etc. im Kopf (hat selbstredend durchaus seinen Reiz) und nun also Austin. Alles ist sehr „laid-back“ und angenehm „down-to-earth“. Hier bemerkte man erst nach einer Weile, dass man neben Edward Norton, Elijah Wood, Matt Reeves, Josh Hartnett oder Roger Corman steht und ebenso beiläufig kommt man ins Gespräch.

Die Filmauswahl war schlicht hervorragend. Man würde meinen, dass man auch bei Amerikas größtem Genre-Festival mitunter dennoch nach genre-übergreifenden Perlen suchen müsste. Das Gegenteil war der Fall: Neben den bereits erwähnten hochklassigen Premieren der letzten Jahre, wurden auch dieses Jahr wieder hervorragende Filme jenseits ausgetretener Genrepfade zum ersten mal gezeigt und ausgezeichnet: A SOMEWHAT GENTLE MAN (mit einem großartigen Stellan Skarsgård), GOLDEN SLUMBER, LET ME IN (das durchaus gelungene US-Remake von Låt den rätte komma in), R.E.D., BUNRAKU, BEDEVILLED, COLD FISH, CARANCHO, RED HILL, BURIED, RUBBER, STONE (mit Edward Norton und Robert de Niro) und Gaspar Noés ENTER THE VOID. Dies erklärt auch die hohe Dichte renommierter Filmkritiker auf diesem Festival (allen voran natürlich Harry Knowles, der auch abseits des Festivals stundenlange Gespräche mit uns Filmemachern nicht scheute).

Das Festivalpublikum, neben den Fachbesuchern, war ebenfalls großartig und auch ehrlich. Wohlwollenden Höflichkeitsapplaus gibt’s hier nicht, dafür tosenden Szenenapplaus wenn’s gefällt. Kein Wunder also, dass z.B. J.J. Abrams im letzten Jahr hier die erste (geheime) Aufführung von STAR TREK vor Publikum machte (für das Secret Screening während des Festivals sollte man also auf jeden Fall Karten reservieren).

Ich hatte das Glück mehrfach beim Festivaldirektor Tim League, dem auch die Alamo Drafthouse Kinokette gehört, zu Screenings und Dîners im kleinen Kreis eingeladen worden zu sein. Auch hier zeigte sich wieder, wie wichtig diese Treffen für tiefergehende Gespräche und Ausweiten des beruflichen Netzwerkes sind. Es hat mich gefreut zu sehen, wie interessiert die Fachbesucher an deutschen (Kurz-)Filmen sind, so waren die mitgebrachten GermanFilms – DVDs, Filmkataloge und Broschüren sehr schnell vergriffen und wurden aufmerksam von der Festivaldirektion studiert.
Da das Festival selbst leider nicht die Reisekosten der nominierten Filmemacher übernimmt, bin ich sehr froh, dass mir German Films dies ermöglicht hat. Dennoch kann ich dieses Festival und auch die parallel stattfindenden Panels, Diskussionen und Veranstaltungen nur empfehlen. Großartige Filme, viele wichtige Kontakte, tolle Stadt!

www.fantasticfest.com