International Film & Video Festival of Beijing Film Academy 2010

06.-13.11.2010

Bericht von Till Kleinert (KOKON)

Dank der Reisekostenunterstützung von German Films war es mir möglich, persönlich am diesjährigen ISFVF, dem bereits zum 9. Mal stattfindenden, jährlichen Internationalen Studentenfilmfestivals der Pekinger Filmakademie, teilzunehmen, in dessen Wettbewerb mein Kurzfilm KOKON eingeladen war.

Mit einem Wettbewerb von knapp 100 studentischen Kurzfilmen war das Programm äußerst üppig und vielseitig bestückt. Hauptsächlich konzipiert, um den etwa 2000 Studenten der Pekinger Filmakademie einen Einblick in das Filmschaffen außerhalb der chinesischen Grenzen zu ermöglichen, bot das Festival auch seinen über 40 aus aller Welt angereisten Gästen, neben Filmemachern auch Filmschullehrer aus Israel und Australien, eine großartige Möglichkeit, sich zu begegnen und über die Unterschiede der filmischen Ausbildung in Austausch zu treten. Da alle Filmemacher auf dem Campus in einem eigens für internationale Gäste vorgesehenen Hotel untergebracht waren, und dank eines gemeinsamen Rahmenprogrammes, das neben Eröffnungszeremonie und Besichtigungen der Stadt und des Campus auch eine lebhafte Diskussion zum Stand der Filmlehre zwischen den Dozenten aus Peking und den Gästen aus dem Ausland beinhaltete, war es für die Angereisten sehr leicht, miteinander ins Gespräch zu kommen. Etwas schwieriger gestaltete sich der Austausch mit den chinesischen Studenten. Obwohl sich die studentischen Volunteers sehr zuvorkommend um uns kümmerten, gab es abgesehen von den Q+As direkt nach den Screenings keinerlei offiziell vorgesehene Begegnungen mit dem Publikum. Auch die Sprachbarriere war hier ein deutliches Hindernis, da nur ein kleiner Teil selbst der jungen Chinesen Englisch spricht.

Das Hochschulkino, in dem sämtliche Screenings stattfanden, ist mit 1000 Plätzen riesig und war zu fast jeder Vorstellung voll besetzt. Die Vorführqualität variierte entsprechend des Formats; natürlich verhielt sich die riesige Leinwand wenig schmeichelhaft gegenüber niedrig aufgelösten Videoformaten. Für meine 35mm-Kopie kann ich allerdings sagen, dass ich noch nirgendwo auf der Welt ein technisch so brilliantes Screening erlebt habe.
Es war bei den Vorführungen sehr interessant, zu beobachten, auf welche Inhalte das Publikum besonders reagierte. Grundsätzlich hatte ich den Eindruck, dass die – mit zwischen 19 und 22 Jahren im internationalen Vergleich sehr jungen - chinesischen Studenten sehr emotional und enthusiastisch vor allem auf melodramatische und komische Inhalte reagierten, während andere, eher experimentelle Erzählansätze, schnell zu spürbarer Ungeduld im Saal führten. Es herrschte augenscheinlich eine große Sehnsucht nach 'klassischen', westlichen Erzählformen und Genres, während der Ausdruck persönlicher Erfahrungen und Sichtweisen eher weniger im Vordergrund des studentischen Interesses zu stehen schien. Dies wurde im Rahmen der Podiumsdiskussion dann auch vom Lehrkörper beklagt. Auch in den chinesischen Wettbewerbsbeiträgen war die Bemühung um eine populäre Form der Gestaltung und des Erzählens deutlich zu spüren; ein wenig konnte der Eindruck entstehen, dass die Filmemacher beweisen möchten, dass ihre Generation den westlichen Filmemachern technisch in nichts nachsteht. Als kleiner Wermutstropfen stellte sich damit einhergehend jedoch zumindest für mich der Eindruck einer Oberflächlichkeit ein, als wären häufig Aspekte wie die Wahl der Kamera oder die 'richtige' Farbkorrektur wichtiger genommen worden als die Essenz der Erzählung, von der die Studenten im Q+A denn auch oft selbstbewusst einräumten, dass sie für sie eher zweitrangig gewesen sei.
Das Interesse an der ausländischen Filmproduktion ist groß, und so waren die Professoren und Leiter der Fakultäten auch mehr als dankbar für die Kataloge und DVDs, die ich im Auftrag von German Films an sie weitergeben konnte.

Abgesehen von dem Filmfestival selbst ist Peking eine unglaubliche, widersprüchliche, hässliche und wunderschöne Stadt, in der die alten Tempel und die Verbotene Stadt genauso zu Hause sind wie die Parteizentralen der KP und eine lebendige Punkrockszene; die historischen Gassenviertel, in denen Wanderarbeiter leben, die oft mit weniger als 100 Euro im Monat auskommen müssen, stehen neben standardisierten, sich schier endlos erstreckenden Hochhausvierteln, die Wohnraum für die neue, reichere, 'bürgerliche' Klasse schaffen sollen.
Für mich persönlich war die Reise eine große Bereicherung. Die Begegnung mit China ist die Begegnung mit einem Land, das auf den ersten Blick selbstbewusst seine Tore zum Westen hin geöffnet hat; bei näherer Betrachtung und im Gespräch mit jungen Chinesen offenbaren sich jedoch mannigfache kulturelle Unterschiede und Widersprüche, mit denen umzugehen sicher eine der großen internationalen Herausforderungen der kommenden Jahrzehnte sein wird.

Ich bin German Films sehr dankbar, dass sie mir diese Erfahrungen ermöglicht haben.

www.isfvf.cn