Houston Worldfest 2011

08.-17.04.2011
Bericht von Felix von Seefranz (BUSY)

Im April 2011 war ich während der gesamten Festivalzeit über beim Worldfest in Houston, Texas.
Das Marriott Hotel, das einem vom Festival angepriesen wird, ist etwa fünf Autominuten (oder Shuttle) vom Kino entfernt und quasi die Basis des Festivals. Dies ist nicht nur der Ort der Preisverleihung, sondern auch Treffpunkt für sämtliche Festivalorganisatoren und die meisten Filmemacher. Abends gehen viele Leute des Festivals ins „Sherlock’s“, eine Bar direkt neben dem Hotel, wo man zahlreiche andere Regisseure antreffen kann.

Mein Film (15min) wurde am dritten Tag des Festivals um 15h nachmittags gezeigt. Das Kino ist groß, hat viele Sitzplätze und eine schöne große Leinwand. Zu meiner Enttäuschung waren nur etwa 20 Leute im Saal, als mein Film im Block mit etwa fünf anderen Filmen gezeigt wurde. Es war zwar unter der Woche, dennoch hätte ich gedacht, dass sich mehr Leute aus Houston für das Programm des Festivals interessieren würden - schade.

Die Projektion meines Films war im Gegensatz zu den meisten anderen eine Katastrophe. Obwohl wir extra eine voll funktionstüchtige Blu-Ray eingesendet hatten, lief der Film von der NTSC-DVD in schlechter Qualität. Darüber hinaus wurde der Film von 16:9 ins 4:3 Format gestaucht. Hatte mir schon überlegt, wie ich mich beim (angekündigten) Q&A darüber beschwere - aber das Q&A hat gar nicht erst stattgefunden. Jedenfalls bin ich gegangen, als nach dem letzten Film 20min lang niemand erschienen ist.

Mein Screening war also ein Reinfall. In den nächsten Tagen habe ich mir einige Filme angeguckt, die nun zum Teil auch besser besucht waren, je näher der Zenit des Festivals rückte. Das Programm des Festivals hat mir ansonsten persönlich gut gefallen, weil, im Vergleich zu vielen europäischen Festivals, der Schwerpunkt auf Unterhaltung zu liegen scheint und man nur wenige Zustandsfilme und dergleichen zu sehen bekommt. Wer auf Arthouse aus ist, wird eher Schwierigkeiten haben.

Je näher das Wochenende der Preisverleihung rückt, desto mehr Filmemacher und Einheimische schienen sich im Kino und Hotel zu tummeln. In den letzten drei Tagen war es dann wirklich gut und hat sich nach anständigem Festival angefühlt - mehr Leute, mehr Trubel, mehr Spaß.

Die angebotenen Seminare, die ich leider wegen anderer Unternehmungen nicht besuchen konnte, sollen sehr interessant und bereichernd gewesen sein, habe ich mir mehrfach sagen lassen. Schade, dass ich nicht genauer berichten kann.

Die Preisverleihung ist wirklich, wie beschrieben, eine große Gala-Veranstaltung mit drei Gänge Menü, Showeinlagen usw. Hier wird allerdings klar, dass schier unendlich viele Preise in unendlich vielen Kategorien verliehen werden. Der Moderator hat einen ganzen A4-Aktenordner mit Listen der Preisträger. Ich habe bis heute nicht richtig verstanden, nach welchem Prinzip das abläuft. Mein Film hat einen „Platinum Remi Award“ gewonnen (also über Silver und Gold), aber ich habe keine Ahnung, ob das die höchste Auszeichnung in meiner Kategorie war. Andere Filme haben in anderen Kategorien andere (höhere?) Preise gewonnen. Wie dem auch sei – durch die enorme Anzahl der Preise fühlt sich der eigene Preis ohnehin etwas entwertet an, ist man es doch gewöhnt, dass ein Preis gerade aufgrund seiner spärlichen Vergabe etwas wirklich Besonderes ist.

Großartig war der darauffolgende Tag mit großem Programm, bei dem man ins Gespräch mit vielen interessanten Filmemachern aus der ganzen Welt gekommen ist. Erst fährt man gemeinsam mit dem Shuttle (oder eigenem Auto) zum NASA-Center. Houston - we have a problem - das Ganze hat mehr mit Disney-Land, als mit einer wissenschaftlichen Einrichtung zutun, ist aber trotzdem einen Besuch wert. Zumal man ständig Gelegenheit hat, Kontakt mit anderen Filmemachern aufzunehmen. Wer das nicht selbst tut, wird ohnehin angesprochen.

Im Anschluss fährt man zu einem schönen Pier am Hafen. Von dort aus geht es (je nach Wind) zur Regatta Tour, oder wie in meinem Fall, auf ein großes Schiff, mit dem man etwa zwei Stunden durch die Gegend schippert inkl. kleinem Buffet und freien Getränken. Auch hier habe ich sehr entspannt mit verschiedenen Filmemachern gesprochen und mit dem einen sogar zusammen einen Stoff gepitcht. Im Anschluss wird am Pier reichlich gegrillt und getrunken, bis die Busse gegen Abend wieder Richtung Houston abfahren.

Das was sonst immer auf Festivals angepriesen, hier aber wirklich wahr wird, ist, dass man viele Leute kennenlernt. Das liegt vor allem (neben der Kontaktfreudigkeit der Amerikaner) an den genannten Unternehmungen. Das erste Mal habe ich wirklich viele Filmemacher aus der ganzen Welt kennengelernt, mit denen ich z.T. jetzt noch per E-Mail und Facetube in regelmäßigem Kontakt stehe.

Das war wirklich eine bereichernde und schöne Erfahrung, die mein anfänglich kritisches Bild des Festivals mehr als relativiert hat. Auch die Einreichgebühr, die einen als Europäer etwas abschreckt, wird angesichts des aufwändigen und kostenintensiven Programms, das einem geboten wird, mehr als ausgeglichen. Ich glaube einer der Pässe, die man als Filmemacher „umsonst“ bekommt, mit Zugang zu allen Filmen, Seminaren und den Veranstaltungen, hat für externe Besucher 500$ gekostet, wenn ich mich nicht irre. Man bekommt also schon einiges geboten!

Abschließend kann man sagen, dass das Festival an sich erst am Wochenende der Preisvergabe richtig interessant wird, da vorher nur wenige Filmemacher und Besucher bei den Screenings anzutreffen sind – und wer guckt schon gerne einsam eine Woche lang von früh bis spät Filme?

Am besten man orientiert sich irgendwo zwischen folgenden Möglichkeiten:
1. Man ist das ganze Festival über (oder länger) dort und verbindet es mit einem Texas Urlaub. Andere Städte besichtigen, usw.
2. Man reist am Donnerstag oder Freitag vor der Preisverleihung an und ist zu 80% mit dem Festival beschäftigt. Hier ist auch nicht zwingend ein Auto nötig.

Ich kann das Festival also grundsätzlich weiterempfehlen - zum einen wegen des Programms, zum anderen wegen der Seminare und der aufwändigen Veranstaltungen, aus denen beste Kontaktmöglichkeiten resultieren.

Nachteile sind sicher die nicht unerheblichen Kosten für Einreichung, Flug, Unterkunft, evtl. Auto, (…), wenig Festivalatmosphäre bzw. magere Screenings vor besagtem Wochenende und die „Tausend Preise für alle“-Philosophie.

Zum Schluss zwei goldene Tipps:
Es ist eine riesige Stadt ohne fühlbare Ballungszentren und mit wenig Anhaltspunkten zur Orientierung. Es ist dringend(!) zu empfehlen, sich ein Auto zu mieten, da die komplette Infrastruktur der Stadt darauf ausgelegt ist – und nur darauf! Dringend zu empfehlen ist ebenfalls ein Navigationsgerät im Auto, da sonst größere Trips (z.B. vom Flughafen zum Hotel) eine wahre Tortur werden können. Selbst auf einer 3m² großen Karte von Houston (perfekt beim Fahren) waren die kleinen Straßennamen durch den Maßstab fast nicht zu entziffern. Abgesehen davon haben die sehr hilfsbereiten Einheimischen meist absolut keine Ahnung wohin man fahren soll, geschweige denn, wo sich der eigene Standort auf der Karte befindet…

Ich hoffe mein Bericht hilft euch bei der Entscheidungsfindung!

www.worldfest.org