Shanghai International Film Festival 2011

11.-19.06.2011
Bericht von Sebastian Mez (CLEAN UP)

Als ich die Einladung nach Shanghai mit meinen Film CLEAN UP erhielt, war ich sehr froh und auch ein wenig überrascht. Froh, weil ich bereits im Jahr zuvor mit einem anderen Film nach Shanghai reisen und die Atmosphäre des Festivals in Kombination mit der unglaublichen Stadt genießen konnte. Überrascht war ich, weil mein Film CLEAN UP thematisch im Bereich der Menschenrechte angesiedelt ist und sich mit dem Thema Todesstrafe auseinandersetzt. China war somit das erste Land nach drei Jahren Festivalauswertung des Films, das gegenwärtig die Todesstrafe praktiziert, gar führend im internationalen Vergleich ist wenn es um die Anzahl der jährlichen Hinrichtungen geht und in dem ich den Film zeigen konnte. Insofern bedeutete für mich die Präsenz vor Ort sehr viel, in der Hoffnung auf einen spannenden Diskurs, den der Film nach seiner Vorführung auslösen würde. Nach meiner Ankunft in Shanghai und schließlich im Festivalhotel, machte ich mich auf den Weg zur Akkreditierungstelle. Im Shanghai Exhibition Art Center, Dreh- und Angelpunkt des Festivals, fiel mir gleich auf, dass es auf der großen Programmtafel in der Halle keinen Hinweis auf das Kurzfilmprogramm gab, in dem auch mein Film lief. Sämtliche Nebensektionen des Festivals wurden als Schema dargestellt, doch nicht die SIFF Mobile Kategorie, so der Name der Kurzfilmreihe. Nach der Akkreditierung erhielt ich die obligatorische Festivaltasche mit relevanten Informationen bzgl. des Festivals. Doch auch hier bestätigte sich der Verdacht, dass es keinerlei Informationen zum Programm der Kurzfilmreihe gab. Ein besonders großes Problem: Keiner der anwesenden Filmemacher aus der Kurzfilmreihe wusste, wann sein eigener Film laufen würde, mich eingeschlossen. Auch nach mehrmaligem Nachfragen an diversen Infoständen wussten wir nicht, wann und wo welche Filme von uns laufen. So hetzten wir von einer Spielstätte im Osten der Stadt zurück zur anderen Spielstätte um der eventuellen Vorführung unserer eigenen Filme beizuwohnen. Der positive Nebeneffekt war, dass wir dadurch in den Genuss aller Kurzfilme kamen, die gezeigt wurden. Das Screening meines Films war mit ca 30 Leuten eher schlecht besucht. Hinzu kam, dass im Gegensatz zum letzten Jahr die Leute nach der Vorführung den Saal verließen und es keine Q&A Runde gab. Mir wurde nicht mal die Gelegenheit gegeben, mich als Filmemacher vorzustellen und ein paar Worte an das Publikum zu richten. Kein Moderator war anwesend, stattdessen war der Kinosaal innerhalb weniger Sekunden leer. Ausgenommen die anderen anwesenden Filmemacher, die ebenfalls verdutzt darüber waren, dass sie keinerlei Möglichkeit bekamen, den Film persönlich zu repräsentieren. Wir fragten uns, wieso das Festival so viel Wert drauf legte, dass wir anwesend sind. Doch was unabhängig von der Organisation so ziemlich jedes Filmfestival unvergesslich macht, so auch Shanghai, sind die Kontakte zu anderen Filmemachern, die von überall auf der Welt ihre Reise nach Shanghai angetreten hatten. So fand sich schnell eine größere Gruppe, die von nun an den Rest der Woche gemeinsam verbringen und einen regen Austausch einer Fülle von Gesprächthemen haben sollte. Am nächsten Tag stellte sich heraus, dass diejenigen, die das Glück hatten, mit ihrem Film in der National Library zu laufen, die Gelegenheit bekamen, nach dem Programmblock ihres Films zum Publikum zu sprechen. Es wurden Stühle auf die Bühne gestellt und die anwesenden Filmemacher konnten die neugierigen Fragen des Publikums beantworten. Für mich persönlich war das sehr frustrierend, da ich selber diese Gelegenheit am Tag zuvor in einer anderen Spielstätte nicht bekommen hatte. Die Preisverleihung der Kurzfilmreihe am letzten Abend stellte den krassen Gegensatz zum Eindruck der vergangenen Tage dar. Eine pompöse Veranstaltung mit Fernsehübertragung, einer Live-Band und viel konstruiertem Glamour. Für den Starbonus sorgte Guy Pearce, der einen der Preise übergab und danach direkt wieder verschwand. Auf dieser Preisverleihung erfuhren wir dann auch, dass sich die hochkarätig besetzte Jury, allen voran Tsui Hark, die Filme auf ihren Smartphones angesehen haben um zu entscheiden, wer gewinnt. Trotz allem wird mir die Woche unvergesslich in Erinnerung bleiben und vor allem die vielen tollen Gespräche mit Filmemachern, Festivalleitern und auch in Shanghai lebenden Festivalbesuchern waren großartig. Auch die Gastfreundschaft und die liebenswürdige Art der Mitarbeiter des Festivals, die trotz der teils immensen Sprachbarriere mangels Englischkenntnissen immer versuchten, Probleme zu lösen, ließ einen über die eine oder andere organisatorische Schwäche hinwegblicken. An dieser Stelle möchte ich zudem betonen, dass sich meine Kritik ausschließlich auf meine Erfahrungen im Mobile SIFF Wettbewerb beschränkt. Doch da diese Sektion zum ersten Mal Teil des Shanghai Filmfestivals war, bin ich mir sicher, dass man nächstes Jahr zum Beispiel weiß, wo und wann sein Film läuft, für den man die weite Reise angetreten ist.

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