Festival del Film Locarno 2011

03.-13.08.2011
Bericht von Peter Baranowski (RAUSCHGIFT)

Ziemlich genau einen Monat vor Beginn des Festivals erhielt ich vom Leiter der Kurzfilmsektion in Locarno, Alessandro Marcionni, die Einladung, meinen Kurzfilm Rauschgift innerhalb des internationalen Wettbewerbs „Pardi di domani“ zu zeigen. In dieser Reihe liefen insgesamt 32 Kurzfilme aus aller Welt. Da das Festival eigentlich viersprachig ist (Italienisch, Französisch, Deutsch, Englisch) wird zusätzlich zu den meist schon vorhandenen englischen Untertiteln noch eine weitere (elektronische) Untertitelung durchgeführt. Um die Übersetzung und Implementierung kümmert sich das Festival. Einmal in Locarno angekommen, war ich sofort begeistert von der berühmten Piazza Grande mit ihren achttausend Sitzen vor einer gigantischen Leinwand, auf der ein Close Up in der Größe eines mehrstöckigen Hauses erscheint. Die ganze Stadt ist für die Dauer des Festivals in ein schwarz-gelb geflecktes Leopardenparadies verwandelt. Von den offiziellen Festivalfahrrädern, über Regenschirme, bis hin zum Feuerzeug im Supermarkt: Alles posiert im Leoparden-Look. Bis zu sechs Personen kann man kostenlos für das Festival akkreditieren, wenn man mit einem Kurzfilm eingeladen ist. Diese Akkreditierungen erlauben freien Eintritt zu allen Vorstellungen, kostenlose Fahrradmiete, privilegierte Sitzplätze Auf dem Campingplatz von Locarno auf der Piazza Grande, Busfahrten. Locarno ist ein sehr publikumsfreundliches Festival; mit Akkreditierung muss man sich nicht einmal Kinokarten besorgen, sondern kann direkt mit dem Badge in die Vorstellungen gehen. Es gibt viele Möglichkeiten, in Locarno interessante Bekanntschaften zu machen. Das Areal ist übersichtlich, gefeiert wird meistens auch an den gleichen Orten: in der Bar des „Teatro Paravento“ oder der Strandbar „Lido Locarno“. Außerdem bot sich mir die Gelegenheit, die anwesenden deutschen Filmemacher während eines sehr netten Abendessens von German Films in der „Osteria Chiara“ kennen zu lernen. Vor der Premiere meines Films in einem Kurzfilmblock zusammen mit vier weiteren Filmen gab es ein Mittagessen der zugehörigen Regisseure mit Alessandro Marcionni. Das Buffet war überaus gut und Alessandro tat alles, damit wir uns etwas entspannen konnten; dennoch war ich nicht der Einzige, der vor Aufregung kaum einen Bissen herunter bekommen hat. Nach dem Essen wurden wir im Auto zum Kino chauffiert und nacheinander auf die Bühne gerufen. Jeder
durfte ein paar Worte sagen, dann liefen die Filme nacheinander ohne weitere Unterbrechung. Der Saal fasste ungefähr tausend Zuschauer, die Projektionen waren gut. Das Publikum reagierte gespalten auf meinen Film, obwohl uns Alessandro zuvor versichert hatte, das Publikum von Locarno sei das gutmütigste und wohlwollenste überhaupt. Vor lauter Adrenalin habe ich von den Reaktionen kaum etwas wahrgenommen; erst später erfuhr ich von einem Teammitglied, dass es bei unserem Film auch Buhrufe gegeben hatte... Von jedem Kurzfilmblock gibt es zwei Wiederholungen an folgenden Tagen. Locarno ist überaus teuer. Für den einwöchigen Aufenthalt meines Mini-Teams (drei Personen in einem Zelt) auf dem Campingplatz bezahlte ich insgesamt achthundert Franken (sic!). Für eine Pizza zahlt man mindestens zwölf Franken. Dieses Jahr war alles besonders kostspielig, da aufgrund des schwachen Euros der Wechselkurs bei etwa 1:1 lag. Das Festival übernimmt keine Anreisekosten, bezahlt aber für Regisseure aus Europa zwei Hotelübernachtungen in einem Einzelzimmer; außerdem gibt es vor Ort ein kleines Taschengeld, zudem erhielt ich Unterstützung der AGKurzfilm bzw. von German Films. Trotz der Kosten würde ich jederzeit wieder hinfahren. Dieses Festival in schwarz-gelb ist einfach unglaublich charmant und sympathisch! Zwar haben mich einige Filme des internationalen Langfilmwettbewerbs nicht wirklich überzeugt, aber es gibt ja immer noch die Retrospektiven und, natürlich, die Piazza Grande mit ihren sagenhaften Open Air-Projektionen. Dort einen guten Film zu sehen ist tatsächlich ein Kinoerlebnis, wie man es vielleicht nirgends sonst haben kann. Ich habe einige Regisseure kennen gelernt, die davon träumten, einmal im Leben einen Film auf der Piazza Grande zeigen zu können. Nach dem letzten internationalen Kurzfilmblock, erhielt ich gegen Abend einen Anruf von Alessandro. Er bat mich, bis zum Ende des Festivals in Locarno zu bleiben, für den kommenden Samstag werde man mir ein Hotelzimmer besorgen. Mehr wollte er nicht verraten. Konnte es tatsächlich sein, dass wir etwas gewonnen hatten? Die Spannung hielt sich bis zum Photo Call vor einem Mittagessen aller Preisträger am letzten Festivaltag. Alessandro fragte mich, ob ich wissen möchte, was wir gewonnen hätten. Ich bejahte. Er fragte: „Do you like beer?“ Als ich nickte, hob er ein imaginäres Bierglas gegen die strahlende Sonne, blickte hindurch und sagte: „The color looks somewhat similar...“. Am Abend, auf der Piazza Grande, wurde mir dann dieser Pardino d’oro, das Leopärdchen in Gold, im Rahmen der Preisverleihung von Kurzfilm Jury Präsidentin Indu Shrikent übergeben. Ein unbeschreiblicher Moment.

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