Film Festival Srebrena Traka 2011

8.-10.09.2011

Bericht von Nikolaus von Uthmann (OMA RENNT!)

Der Name Srebrenica kommt einem nicht unbedingt als erstes in den Sinn, wenn man an Filmfestivals denkt. Eher drängen sich vergangene Presseberichte aus der Balkankrise Mitte der 90er Jahre auf: Bürgerkrieg, Massaker, Völkermord – eines der düstersten Kapitel der jüngeren europäischen Geschichte. Und dort läuft nun im Programm meine Slapstick-Komödie OMA RENNT!?

Schon 2010 machte ich wunderbare Erfahrungen beim allerersten Shqip-Filmfest im Kosovo. Wie dort, wächst auch in Bosnien eine neue Generation heran, die sich nicht allein durch ihr tragisches Erbe definieren möchte.
Wegen dessen blutigen Kriegsvergangenheit wird Srebrenica seit mehr als einem Jahrzehnt von Hilfsorganisationen aus der westlichen Welt heimgesucht: Traumabewältigung, Wiederaufbau, Zusammenführung, Versöhnung. So war das Srebrenatraka-Filmfestival und den dazugehörigen abendlichen Konzerten am Wochenende nicht das einzige Ereignis. Eine italienische Initiative versuchte – ein wenig hilflos – mit einer jonglierenden Clownsparade, Frohsinn in die noch immer von Einschüssen zersiebten Straßen zu bringen. Am meisten Publikum aber zog die Regionalausscheidung der „Miss World“ an, die für einen serbisch-orthodoxen und muslimischen Landstrich erstaunlich viel Haut und Sexappeal zuließ und zusätzlich durch eine Mädchen-Teenie-Rockband eine progressive „Girl Power“-Message verkündete.

Aber zurück zum Filmfestival. Die beiden Programmleiter, Ado Hasanovic aus Sarajevo und Fin Manjoo aus Durban/Südafrika legten viel Wert auf ein reiches, heterogenes Repertoire: neben regionalen Werken – zumeist ernst, ergänzten Filme aus aller Welt und aller Genres die Programme. Und deren Konzept bekam ich unmittelbar zu spüren. Als Eröffnungsfilm lief die sehr gelungene (und später mit dem Jurypreis ausgezeichnete) Tragödie BAGGAGE aus Bosnien-Herzegovina: Ein als Kind im Krieg geflohener Mann kehrt in seine zerrissene Heimat zurück, um die Gebeine seiner Eltern zu identifizieren. Schwerer Stoff, gekonnt und feinfühlig erzählt – ohne Schuldzuweisung oder übermäßigem Betroffenheitspathos. Dennoch fühlten sich einige serbisch-stämmige Zuschauer angegriffen. Doch noch bevor sie in Protest den Saal verlassen konnten lief gleich im Anschluss mein Film OMA RENNT!. Während ich noch tief in den Kinosessel sank, da mir der Kontrast zu radikal erschien, berichteten mir danach einige Zuschauer und Festivalmacher, dass genau dieser harte Schnitt die feindselige Stimmung entschärfte. Gemeinsames Lachen als Friedensstifter. So kann diese Reaktion auf meinen Film nur freudig überraschen, und gleichermaßen Stolz und Demut geben.
Am kommenden Tag besuchte ich den anregenden Workshop mit dem bosnischen Regisseur und Filmakademie-Leiter Nenad Dizdarevic, in dem er nicht nur BAGGAGE gekonnt analysierte, sondern als kleine Zugabe auch gleich noch meine OMA inhaltlich und visuell sezierte. Anregende Gespräche mit Filmemachern und Zuschauern folgten.
Erst auf der Rückfahrt nach Sarajevo stellte ich mich den Schrecken der Kriegsverbrechen und den Mahnmalen des Völkermordes. Der Weg von Srebrenica ist eine Straße des Todes: Hier ein Friedhof, auf dem über 8000 hingerichtete Muslime begraben liegen, dort ein harmlos aussehendes Fußballfeld, wo vor erschreckend kurzer Zeit hunderte Unschuldiger systematisch ermordet wurden, da eine Fabrikruine, auf der man noch Einschusslöcher und Blutspritzer eines weiteres Massakers entdecken kann; selbst eine pittoreske katholische Kapelle am Wegesrand in schöner Landschaft zeugt von der Unterdrückung, da sie gegen den Willen der muslimischen Landbesitzerin dort errichtet wurde – vermutlich auf einem weiteren Massengrab.
Auch Sarajevo selbst enthüllt die zwei Gesichter des Landes: Die historische Altstadt mit dem wunderbaren türkischen Viertel lockt mit Mokka-Cafés, Kupferschmieden, antiken Moscheen und Teppichhändlern, ebenso wie mit modernen Boutiquen und Restaurants. Drumherum ragen Hochhäuser empor, die kaum instand gesetzt wurden und die Granateneinschläge der Belagerung vor 16 Jahren noch deutlich zeigen.
Oft sind Filmfestivals eine in sich geschlossene Welt, die sich kulturell und eitel um sich selbst dreht. Das Silver Tape Festival in Srebrenica kann und will sich nicht von der Außenwelt abgrenzen, sondern strebt vielmehr auf Integration und Reflektion. Wer die Chance hat, daran teilzunehmen, sollte sie nutzen.
Denn eines wurde mir wieder auf dieser Reise klar: Wir Kulturschaffenden sind auch ein eigener Stamm, der quer über die Welt verteilt lebt und wirkt – und durch gemeinsames Lachen, Weinen, Nachdenken und Mitteilen mehr für Völkerverständigung tun kann, als jede UN-Resolution oder politisches Hilfsprogramm. Auch mit einer Slapstick-Komödie.

OMA RENNT! lief mittlerweile auf 128 Festivals in 40 Ländern auf 6 Kontinenten und erhielt 7 internationale Auszeichnungen und weitere 10 Nominierungen.

www.srebrenatraka.com