Message to Man International Film Festival 2011

23.-30.09.2011

Bericht von Jörn Staeger (AUFSTEHEN VERGESSEN)

Ich sitze im Flugzeug nach St. Petersburg und bin auf dem Weg zum Filmfestival "Message to Man". Neben den internationalen Wettbewerbsprogramm ist das Festival auch eine wichtige Plattform für nationale Kurz - und Langfilme. Zusätzlich gibt es noch Sonderprogramme die speziellen Themen oder Personen gewidmet sind.

Beim Lernen der russischen Vokabeln erinnere ich mich, vor 13 Jahren war ich das letzte mal in Petersburg. Als Kameramann hatte ich für eine russisch-deutsche Koproduktion bei den Lenfilmstudios gearbeitet. Damals herrschte noch das postsowjetische Chaos der Jelzinära. Während rasender Inflation ging die Mostbank pleite und die Menschen versuchten verzweifelt an ihr Geld zu gelangen. Eine der alten U-Bahnlinien war wegen Wassereinbruch unterbrochen usw.
Diesmal sind die ersten Eindrücke anders, die Fassaden sind neu getüncht, Straßen ausgebessert, moderne digitale Ampeln und neuere Autos bestimmen das Straßenbild. Die Währung ist stabil und die Preise überschreiten teilweise westliches Niveau. Anders als in Deutschland sind die Menschen nicht so korpulent, hier huschen mehr schlanke und abgezehrte Gestalten durch das Stadtbild.
In der mit 4,8 Millionen Einwohnern zweitgrößten russischen Stadt gibt es für jeden sichtbar ein krasses Wohlstandsgefälle. Der infernalische Gestank von giftigen Abgasen erinnert einen darin, dass man hier noch endlos weit von westlichen Umweltstandards entfernt ist. St. Petersburg ist auf den Knochen tausender Zwangsarbeiter errichtet, gilt aber zu recht als eine der schönsten Städte der Welt. Das architektonische Ensemble der Innenstadt, die vor über 300 Jahren in der Newa-Mündung auf zahlreichen Inseln errichtet wurde ist einzigartig und von der Unesco geschützt.

Die Unterbringung im Hotel ist komfortabel und es stört nicht, dass es noch nicht ganz fertig renoviert ist. Beim grandiosen Frühstück kommt man schnell mit den anderen Festivalgästen ins Gespräch. Das üppige Morgenmahl ist auch eine gute Grundlage für all jene, die nicht die überteuerten Essenspreise in der Innenstadt zahlen wollen oder können.
Der Spaziergang vom Hotel am Bolshoi Prospekt zur nächsten U-Bahnstation führt vorbei an herrlichen Prachtbauten auch über einen Markt auf dem neben allerlei Lebensmitteln, skurile Technik sowie Frauenmode in Tarnfarbenlook feilgeboten wird. Entlang des Hinterausgangs der Lenfilmstudios kommt man zum Ufo artigen Eingang der Metrostation Gorkowskaja. Hundertmetertief bringen einen die Rolltreppen zu den prachtvollen U-Bahngewölben. In rasender Fahrt gelangt man zu dem Zentralen Umsteigebahnhof Nevski Prospekt. Von dort aus sind es nur noch fünf Minuten zu Fuss zum Festivalzentrum Dom Kino (Haus des Kinos). Dieser mondäne Kinopalast mit mehren Vorführsälen und Cafes sowie das palastartige Kinotheater Aurora sind die hauptsächlichen Vorführorte.

Beim „Message to Man“ Festival wird kein seichter Klamauk präsentiert. Die Nachricht an den Menschen ist ernst. Das ist auch Anspruch des Festivals, welches während der Endphase der Sovietunion gegründet wurde.
Hammerharte Themen, bleischwere Schicksale und intensive Auseinandersetzung bestimmen das Programm. Beim Schauen habe ich mich dann mehr auf die russischen Filme konzentriert, da ich diese im Westen seltener zu sehen bekomme. Wie zum Beispiel die Diplomarbeiten 3er junger Absolventen und Studenten diverser Filminstitute aus dem russischen Wettbewerb:

LIDYA, 17min, ein Porträt aus der russischen Gegenwart über eine Konstrukteurin für Maschinengewehrmunition. Verknüpft werden drei Ebenen miteinander: die Ingenieurin beim Piroggen backen in der Küche, beim Vortrag im Wohnzimmer sowie Kampfbilder aus Tschetschenien. Während Lidya in feiner Bluse über die Erfolge ihrer Arbeit (die Kugeln immer schneller, die Einschusslöcher immer größer) berichtet, purzeln übel zerschossene Leichen von einem Schützenpanzer, ein Soldat halb stehend halb liegend zappelt von den Rückstößen eines riesigen Maschinengewehrs. Neben den Piroggen werden Orden und die Munition präsentiert.

KOD MARKOWA, Der Markowa Code, 29min, schildert die Zustände auf einer staatlichen Farm, die von ihrer Chefin Tatjana Markowa in stalinistischer Manier geleitet wird. Die desolaten Zustände, das groteske Gebaren und Aussehen der Chefin, die fatalistische Haltung der Untergebenen wirken unfreiwillig komisch und trostlos zugleich. Meine russischen Bekannten meinten, es wäre ein typisches Bild für ländliche Gegenden.

GROMOV, 40min, ein Dokumentation über einen politischen Aktivisten der unter öffentlicher Anteilnahme ein Putinfoto aus dem Fenster warf und dabei Schmähungen über die Regierung ausrief. Eine Spezialeinheit der Polizei drang darauf in seine Wohnung ein. Die nächsten 2 Jahre verbrachte er im Gefängnis und wurde gefoltert. Ein Mensch, der illusionslos sein und das Schicksal seiner Familie betrachtet und dennoch am Protest festhält.

Weitere Filme blieben im Gedächtnis:
DOBROVOLEC (Freiwilliger), 28min, erzählt die komplizierte Heldengeschichte eines Kosaken, der sowohl in der Wehrmacht wie auch in der roten Armee kämpfte und der sowohl die faschistischen und stalinistischen Konzentrationslager überlebte.

SPAS KAMEN, (Geschichten über Alexander Nikolaevich Pligin) 53min, ist der für mich schönste Film des Festivals. Er handelt von A.N. Pligin, einem Ingenieur und Meister des Zielpunktfallschirmspringens. So sieht man zu Beginn des Filmes wunderbare subjektive Aufnahmen von Fallschirmsprüngen, die auf einer kleine Insel in mitten des Kubenskoye Sees enden. Auf dieser Insel befindet sich die Ruine eines Klosters, die Pligin in einem Moment der Inspiration beschliesst wieder aufzubauen. In tagebuchartigen Fragmenten wird die leidenschaftliche Aufbauarbeit an der Ruine und das beschwerliche aber auch schöne Leben auf der Insel geschildert. Die Aufnahmen entstanden eher beiläufig von verschiedenen Beobachtern und wurden erst später durch die Regisseurin Valentina Gurkalenko montiert.

Beeindruckend war auch die Werkschau über den Petersburger Dokumentarfilmer Vladislav Efremov. Seine meisterhaften Kurzfilme aus über 50 Jahren Schaffensperiode sind Zeitreisen und Dokumente aus der wechselvollen Geschichte Russlands. Der Ort dieses Spezialprogramms war ein wunder schöner Salon mit Sofas und schweren Polsterstühlen im oberen Stock des Dom Kinos. Auffallend für mich ist, dass sich die russischen Filmemacher Zeit lassen bei der Länge der Kurzfilme, kaum Filme unter 15 Minuten.
All zu lang wurden die Petersburger Nächte nicht, da man sich beeilen musste vor Öffnung der Klappbrücken um 3 Uhr nachts wieder auf die Petrogradskaya Storana Insel, auf der sich das Hotel befand, zurückzukehren.

Ob ich das Festival empfehlen kann. Ja, unbedingt! Wer sich dafür interessiert einen Eindruck vom filmischen Schaffen in einem der größten Länder der Erde zu erhaschen, der sollte sich auf den Weg in das tragisch schöne St. Petersburg machen.

Zu bemängeln gäbe es nur dass die Übersetzung für die internationalen Gäste besser sein könnte. Auch ist es schade, dass es keine Sichtungsvideothek gibt, in der man verpasste Filme schauen kann. Aber die Qualität der Filme, das grandiose Ambiente, die freundlichen Gastgeber übertreffen alles.

Meine Empfehlung lautet wie einer der Klassiker von Elim Klimov: Komm und sieh.

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