Uppsala International Short Film Festival 2011

24.-30.10.2011

Ein Bericht von Christoph Scheermann (TORTEN IM SAND)

Familiär aber mit Hollywood-Flair

Das Uppsala International Short Film Festival feiert 30jähriges Jubiläum (2011). Familiär ist der erste Eindruck. Das Guest Office ist im Kino „Grand“. Rechts der Empfang (inkl. Kaffee, Tee und Süßigkeiten als Flatrate), links eine kleine Bühne mit Sofas drauf. Hier finden viele der Seminare statt, dazu später mehr. Wofür wird der Raum sonst genutzt? „Hier ist manchmal Jugend-Disko und dahinten eine Spielecke für Kinder“, sagt mir Gästebetreuerin Laura mit kesser Berliner Schnauze. „Die Kinder müssen in der Festivalwoche aber woanders spielen.“ Denn jetzt spielen hier die potentiellen Oscar-Anwärter. Denn die Gewinner des Festivals werden automatisch für die Vorrunde zum Kurzfilm-Oscar vorgeschlagen. 

Torten im Sand
Mein Kurzfilm TORTEN IM SAND ist aus 3000 Einreichungen ausgewählt worden und läuft 3 Mal während der Festivalwoche. Dank des Reisekostenzuschusses von AG Kurzfilm und German Films kann ich an zwei Screenings persönlich teilnehmen. Er läuft im größten der 4 Festivalkinos – im Reginateatern mit 212 Sitzplätzen. Das Kino ist jedes Mal fast ausverkauft. Das Q&A folgt direkt nach meinem Film, so dass der Programmblock kurz angehalten wird. Alle Filme werden ohne technische Fehler projiziert. Die Leinwand ist ausgesprochen groß.

Insgesamt sind 76 internationale Kurzfilme im Wettbewerb. Jeder der 11 Blöcke mit ca. 90 Minuten Spielzeit. Wie die Filmblöcke zusammengestellt werden – nicht nur bei diesem, auch bei den Partner-Festivals dazu in der Rubrik „Seminare“ mehr. 

Nicht „Hoppala“ sondern „Üp-saaala“
Alle internationale Filme haben die Chance auf den Uppsala Grand Prix, wobei man „Uppsala“ nicht ausspricht wie „Hoppala“ sondern eher wie „Üp-saaala“, dotiert mit 25.000 Schwedischen Kronen, umgerechnet ca. 2.700 EUR Preisgeld und die erwähnte Nominierung zur Oscar-Vorrunde. Einige internationale Filme sind dazu für den Ingmar Bergmann Preis nominiert, extra im Katalog gekennzeichnet. Das Preisgeld beträgt umgerechnet 5.500 EUR, verliehen vom Cultural Affairs Board in Uppsala.
Außerdem kann das Publikum noch für den Audience Award abstimmen.

Die Brötchen für die Regisseure sind bereits fertig geschmiert
Für internationale Filmemacher gibt es zwei wichtige Veranstaltungen, die man nicht verpassen sollte: „Breakfast with the Festival“ und „Meet the festivals“. 

Das Frühstück ist am Samstagmorgen um 11:00. Auf den Sofas 15 Filmemacher, deren Kurzfilme im internationalen Programm laufen. Es ist ein lockeres Q&A für das Festival-Publikum, darunter auch Programmleiter anderer Festivals. Der Saal ist voll, die Brötchen für die Regisseure bereits fertig geschmiert, das Publikum muss selbst schmieren. Programmleiter Christoffer Olofsson moderiert. Wir stellen unsere Filme mit kurzer Zusammenfassung vor. Die meisten Zuschauer haben die Shorts gesehen. Falls nicht kann man noch Werbung machen, wenn der eigene Film in einem der nachfolgenden Screenings läuft. Es ist die Chance noch ein paar mehr Worte als im Q&A im Kino über den Film zu erzählen. Jeder Film wird ca. 10 min diskutiert. Die Gespräche sind in Englisch. Vielleicht könnte hier und da ein Trailer oder Filmausschnitt (1 min) zu den einzelnen Filmen für eine kleine Verschnaufpause sorgen und einen leichteren Zugang zum Gespräch ermöglichen. 

Nach dem Frühstück
Direkt im Anschluss sitzen Vertreter anderer Filmfestivals auf der Bühne. Moderiert wird die Fragerunde von Uppsalas Festival-Direktor Niclas Gillberg. Auf der Couch unter anderem Lina Paulsen vom International Kurzfilmfestival Hamburg und Matt Lloyd vom Glasgow Short Film Festival. Für Filmemacher ist diese Veranstaltung deshalb empfehlenswert, weil man hier im Publikumgespräch über die speziellen Ausrichtungen der einzelnen Festivals erfährt. So kann man ggf. effektiv im Anschluss eigene Filme aus dem Portfolio direkt an das passende Festival weiterreichen. Bei der Festivalauswahl empfehle ich immer persönlichen Kontakt und eine genaue Recherche zum inhaltlichen Spektrum. Und wenn schon alle zusammen auf der Couch vor einem sitzen, ist das eine gute Gelegenheit das Festival-Networking optimal zu nutzen, so geht niemand durch die Lappen. Allerdings muss man schnell sein, denn das nächste Screening sitzt schon im Rücken!

Drei Themen möchte ich aus dem „Meet the festivals“-Seminar noch kurz ansprechen, weil sie für viele Filmemacher sicher spannend sind:

Ein Programmleiter ist wie ein Editor
Eine der Fragen ist zur Strategie, wonach die Filmauswahl zusammengestellt wird. Ein gemeinsames Thema stehe nicht mehr so im Vordergrund, maximal ein loses Thema, unter dem die Filme zusammengefasst werden. Ob dieses Themenbezug jedoch wie in Uppsala im Programmheft publiziert werden soll, steht dann zur Debatte. Einige haben bessere Erfahrungen gemacht, dem Publikum eine komplett eigene Interpretation zu überlassen, andere finden es gut eine Richtung anzugeben. In einem aber sind sich alle einig: Der Rhythmus innerhalb eines Filmblocks muss sich stimmig anfühlen, d.h. zuerst werden die Favoriten ins Programm genommen, dazwischen werden Filme gesetzt, die die Balance garantieren. In dem Moment blüht Miguel Valverde, von INDIELISBOA mit all seiner Leidenschaft auf: Als Festivaldirektor sei man wie ein Editor beim Film. „Durch die Reihenfolge der Filme kreierst Du ein eigenes kleines Kunstwerk. Es ist die größte und schönste Herausforderung, den perfekten Flow für einen Filmblock zu finden.“ Und dann lernen wir:

Nicht jeder Film im Block ist auch ein potentieller Gewinner

Die Filme, die zwischen den Favoriten für die optimale Balance gesetzt werden sind qualitativ nicht weniger gute Filme – sie alle sind vorab als unbedingt sehenswert ausgewählt worden. Aber oft haben diese, das können z. B. sehr kurze Filme zur Auflockerung sein, geringere Chancen auf als Gewinner hervorzugehen. Natürlich gibt es Ausnahmen.

Kurzfilme werden immer länger
Der Trend in den vergangenen Jahren wird von den Festivalleitern auf der Couch bestätigt. Es ergibt sich die Schwierigkeit, dass Filme, die länger als 15 min sind, schwerer zu programmieren sind, da man dann nur 3 oder 4 Filme in einen Block integrieren kann und vielen anderen – auch absolut sehenswerten Filmen – muss dann eine Absage erteilen werden. Auch eine Kombination aus langen und sehr kurzen Filmen macht einen guten Flow schwierig. 
Der Trend, dass Kurzfilme immer länger werden – so wird in der Diskussion vermutet – komme von den Filmhochschulen, die ihre Studenten dazu ermutigen, sich auf zukünftige Spielfilmlängen vorzubereiten. Immer wieder entsteht auch der Eindruck bei mir und anderen Zuschauern, dass Kurzfilme nicht nur länger, sondern auch zu lang werden. Auch das können die Gäste auf der Couch bestätigen. Dennoch sei kein Trend zu erkennen, dass die Anzahl der Kurzfilme, die „zu lang“ sind, zugenommen habe.

Seminare
Uppsala ist eine Studenten-Stadt. Vor dem Kino stapeln sich Hunderte von Fahrrädern. So stellt sich das „Kortfilmfestival“ auf eine junge Zielgruppe ein. Mit dem umfangreichen Seminar-Angebot ist das Festival gleichzeitig auch für viele „Professionals“ attraktiv. 

Einer der wichtigsten Partner des Uppsala Festival ist das Schwedischen Filminstitut, das u. a. Meetings veranstaltet für geladene Gäste aus dem Dokumentarfilmbereich. Weitere Seminar-Themen sind Crowd Funding und Crowd Culture, einige Veranstaltungen der „Talent Days“, bei denen ausschließlich schwedische Filmemacher teilnehmen können, sind auch für internationale Gäste offen, genauso wie die Filmschool Days, einer Networking-Veranstaltung zwischen nationalen Studenten und Filmschulen. Allerdings sind diese dann Meetings auf Schwedisch.

Sehr spannend noch eine Vorlesung zum Festival-Boom. In den vergangenen Jahren sind neue Festivals wie Pilze aus dem Boden geschossen, darunter sind aber auch viele schwarze Schafe. Es wird für Filmemacher und Publikum immer schwieriger da, die Spreu vom Weizen zu trennen.
Helfen können da auch die Festivalberichte bei der AG Kurzfilm ;-)

Deutsche Pünktlichkeit in Schweden
Kein einziges Screening startete auch nur 1 Minute verspätet, kein Seminar wurde verschoben und das obwohl Uppsala eine Studentenstadt ist, aber hier ruht sich keiner auf dem akademischen Viertel aus. Dafür ist der Smalltalk umso spannender nach dem Film, wenn die Studenten entdecken, dass ihr Professor mit einer Kommilitonin Hand in Hand das Kino verlässt. 

Ein Jäger kostet 10 EUR

Networking geht nicht ohne den Besuch in der Festivalbar. Doch Vorsicht vor den schwedischen Preisen! Drinks sind teuer. Ein Jägermeister zum warm werden würde 10 EUR kosten. Bier und Wein sind auch ca. 4 Mal teurer als zuhause.
Und: Das Feierabend-Bier für auf der Straße ist nicht gern gesehen, aber die Polizei in Uppsala ist freundlich und lässt einen auf der Stelle austrinken - habe ich gehört. 

Fazit
Ich kann das Uppsala International Short Film Festival empfehlen. Die Anerkennung durch die Academy of Motion Picture Arts and Sciences ist eine große Chance. Das Festival bietet organisierte Networking-Möglichkeiten zu anderen Festivals und auch dem einen oder anderen Verleiher. Insgesamt waren gut 10 Festival-Vertreter anwesend. Uppsala als Studentenstadt bietet vor allem jungen Filmemachern einen leichten Anschluss und ein junges Publikum. 

www.shortfilmfestival.com