Busan International Short Film Festival 2013

02.-06.05.2013

Bericht von Nicole Vögele (FRAU LOOSLI)

Das "Busan International Short Film Festival" (BISFF) ist die kleine Schwester des international bekannten und renommierten Festivals „Busan International Film Festival“, welches jeweils im Herbst die zweitgrößte Stadt Südkoreas in eine Filmmetropole verwandelt. Doch auch die kleine Schwester ist längst den Kinderschuhen entwachsen: Das Kurzfilmfestival feierte diesen Mai seinen dreißigsten Geburtstag. Geboren 1983 unter dem Namen „Korean Short Film Festival“, war es damals das erste Kurzfilmfestival in Südkorea und nur für Filme aus dem eigenen Land gedacht, seit einigen Jahren heißt das Festival nun „Busan International Short Film Festival“ und ist nun offen für die ganze Welt. Zusammen mit dem „Asiana International Short Film Festival“ gilt das BISFF als „Place to be“ für den Kurzfilm in Südkorea.

Der Hauptwettbewerb - die „International Competition“ - zeigte dieses Jahr 45 Filme aus 27 Ländern. Deutschland war mit sechs Produktionen das am zweitstärksten vertretene Land. Der Wettbewerb ist offen für „short films“ bis 30 Minuten, „medium-length films“ von 30 – 60 Minuten und für „extreme shorts“, Kürzestwerke unter drei Minuten. Zwölf Preise hatten die Jurys zu vergeben.

Neben den Wettbewerben stand „Close but strange Asia“ im Fokus, hauptsächlich mit einer Spezialreihe, die dem diesjährigen Gastland China gewidmet war. Bei der Eröffnungszeremonie bezauberte ein chinesischer Stummfilm aus den 1920ern, den eine Jazzband live vertonte. In den täglichen Vorführungen liefen vorwiegend zeitgenössische Filme. Eine Sonderreihe ehrte den chinesischen Animationsfilmemacher Sun Xun.

Das „Busan Cinema Center“ beherbergt das komplette Festival, und wüsste man nicht, dass Busan einmal jährlich Schauplatz eines pompösen Filmfestivals ist, so müsste man das Cinema Center für eine klassische Maßstabsverfehlung halten. Es wirkt irgendwie überdimensioniert und an jeder Ecke ein bisschen zu groß geworden. Brandneu strahlt es im Stadtzentrum mit den eher unaufgeregten Wolkenkratzern um die Wette und gewinnt. Eine überdachte Open-Air-Bühne mit einer Leinwand, gefühlt so groß wie ein Fussballfeld. Nachts fließen Regenbogenfarben durch das wellenförmige Dach und natürlich gehören auch das Sich-Verirren und das kurzzeitige Verlorengehen in diesem Mammutkomplex zum Programm.

Zum Festivalzentrum führen tausend verschiedene Rolltreppen, alle fahren irgendwann in den sechsten Stock. Dort finden sich die Akkreditierungs- und Informationsdesks, eine Cafe-Lounge mit Bar, Vortragsräume und die vier Kinosäle. Hier trifft man sich und fühlt sich nach dem endlosen Rolltreppenfahren nicht mehr so alleine. Überraschenderweise finden auch viele Besucher den Weg und ab dem ersten Festivalnachmittag beleben Kurzfilmliebhaber den etwas kühlen Bauch des Busan Cinema Centers.
 
Der Kino-Komplex beheimatet das Festival erst seit zwei Jahren, davor fand alles etwas verteilter in Kinos und Lokalen in der schönen Altstadt statt, direkt neben Gassenküchen und Fischlokalen, wo das Meer zum Riechen nah ist. Die Nostalgiker trauern noch sehr, wie ich gehört habe.

Einen Tag vor der Eröffnungszeremonie fliege ich von Frankfurt nach Seoul. Am Flughafen fährt ein direkter Schnellzug namens KTX nach Busan. Ohne Weiteres gelingt der Ticketerwerb auf Englisch und auch die Orientierung am Flughafen birgt kaum Hindernisse, alles ist auf Englisch beschriftet. Drei Stunden fahre ich im Höchsttempo einmal quer durch Südkorea. Von Seoul in den Süden ans Meer nach Busan. Der versprochene Abholdienst funktioniert leider nicht, oder taucht, wie sich später herausstellt, zu spät am Bahnhof auf, ich setze mich einfach in die U-Bahn Richtung Hotel, auch in Busan sind Stationen und Strassen lesbar. Mit der Hilfe eines unfassbar freundlichen jungen Südkoreaners - und seines unfassbar hochgerüsteten Smartphones - finde ich auch den Weg zum Hotel. Es liegt ein paar Gehminuten vom Strand im Restaurant- und Vergnügungsviertel „Haeundae Beach“. Dort ist im „Moby Dick Business Hotel“ ein nettes, kleines und sehr sauberes Doppelzimmer für mich reserviert. Eine Wohltat nach einer 18-stündigen Reise. Kaum im Zimmer angekommen, klingelt das Telefon, eine Frau entschuldigt sich sehr dafür, dass ich alleine zum Hotel finden musste, sie klingt aber vor allem extrem erleichtert darüber, dass ich nicht verloren gegangen bin, und teilt mir mit, dass ich in fünf Minuten zum Abendessen abgeholt werde.

Der erste offizielle Termin dann am darauffolgenden Abend: Die grosse Opening Ceremony. Zum guten Glück ließ mich Stefan Neuberger, der letztes Jahr am BISFF teilnahm, wissen, dass dort ein roter Teppich wartet und festliche Abendrobe helfen könnte, sich nicht ganz fehl am Platz zu fühlen.

Ein Shuttlebus bringt alle anwesenden Regisseurinnen und Regisseure zum Kino- Komplex. Die Busfahrt bietet eine angenehme Möglichkeit, sich ungezwungen zu beschnuppern. Die Leute kommen aus Japan, Spanien, dem Iran, Brasilien, Vietnam und natürlich aus Südkorea selber. Angekommen im Kino-Komplex führen uns die beiden Gästeverantwortlichen gleich in einen Hinterraum, wo wir mit Tee und vielen kleinen koreanischen Häppchen vorgestärkt werden, um dann langen Schrittes über den roten Teppich zum großen Theatersaal zu schreiten. Lange Schritte deshalb, da in einem etwas überdimensionierten Kinokomplex natürlich auch der rote Teppich die entsprechende Grösse hat. Eine Moderatorenstimme ruft unsere Namen einzeln auf, Kameras begleiteten unseren Gang und eine Fotowand steht zum Posieren bereit. Etwas unbeholfen, zum Glück in Begleitung eines brasilianischen Regisseurs, stolpere ich durch diesen Parcours. Im Kinosaal folgen mehrere Eröffnungsreden und zwei chinesische Filme. Der eine, wie bereits erwähnt, ein Stummfilm aus ganz frühen Zeiten, live von einer Jazzband vertont.
 
Nach der Zeremonie treffen sich die geladenen Gäste beim Abendessen: Festivalorganisatoren, internationale und nationale Filmemacher, südkoreanische Schauspielstars, Branchenvertreter und Presseleute . Nach zwei Stunden löst sich das Zusammentreffen auf und in kleineren Gruppen verschiebt man sich in ein klassisches Restaurant mit Bar. Auch dieses Lokal verlässt man zwei Stunden später wieder, um zum nächsten Ort zu wechseln. Wir werden gleich am ersten Abend in den koreanischen Brauch des regelmässigen Lokalwechselns eingeweiht. Witzigerweise wird das sogar von offizieller Seite her geplant. Man muss immer einen „first place“ und mindestens einen
„second place“ haben. Es handelt sich dabei meistens um einfache, aber nette kleine Restaurantbars oder Fischlokale. Dort stehen allabendlich Tische für die Festivalleute bereit und dort kommt man dann auch leicht ins Gespräch, die Gruppen mischen sich jeden Abend neu, ein buntes Durcheinander aus Filmemachern, Festivalleuten, Journalisten und Filmliebhabern. Die Stimmung ist immer sehr offen und herzlich, es finden angeregte Diskussionen statt, nette Bekanntschaften werden geschlossen. Die Abend-Lokale befinden sich idealerweise im selben Viertel wie das Hotel und damit ist auch das Nachhausegehen in dieser fremden asiatischen Großstadt kein Problem.

Gleich am ersten richtigen Festivaltag findet mein erstes Screening statt. Um 18 Uhr im großen Kinosaal. Die kleine, alte Frau Loosli im hypermodernen Riesenkinosaal auf der Leinwand, ein spezielles und sehr schönes Erlebnis. Die Vorführung läuft technisch einwandfrei ab. Unvergesslich natürlich die am rechten Bildrand vertikal verlaufenden Koreanischen Untertitel, Stefan Neuberger bezeichnete die koreanischen Untertitel letztes Jahr als „eine ästhetische Freude“, da kann ich nur beipflichten.

Direkt im Anschluss an die Präsentation findet ein Q&A im Kinosaal statt. Eine professionelle und gut vorbereitete Moderatorin leitet das Gespräch. Anfangs sind die Zuschauer sehr verhalten, doch mehr und mehr heben sich die Hände und spannende Fragen werden an mich herangetragen. Als ein Herr eine etwas komplizierte Frage nach der Messages des Filmes stellt, wird es leider mit der Übersetzung etwas schwierig. Ich merke, wie meine Übersetzerin Mühe hat, mir die Frage auf Englisch zu erklären und das führt dann auch dazu, dass meine Ausführung etwas im Wirrwarr der Sprachen untergeht. Trotzdem war das Gespräch mit dem Publikum eine spannende Erfahrung, natürlich auch, weil sich die Fragen von denen unterscheiden, die mir hier in Deutschland begegnet sind. Ich lerne unter anderem, dass ein Koreaner am Endes eines Filmes immer eine Message braucht. Kommt diese Message im Film nicht stark genug bei ihm an, will er vom Filmemacher erläutert haben, was er nun davon zu denken hat und wie der Film im Detail gemeint ist.

Direkt nach der Vorführung und dem Q&A trifft man sich in der inzwischen gut belebten Lounge. Neben den vorwiegend asiatischen Branchenleuten sind auch Festivalorganisatoren aus Europa und Südamerika anwesend, hier kommen meine mitgebrachten Kataloge und DVDs von German Films sehr gut an. Auch an den darauffolgenden Tagen freuen sich die Leute, mit denen ich ins Gespräch komme, sehr über das Werbematerial.

Auch meine zweite Vorstellung am Samstagnachmittag macht viel Spaß. An diesem Abend steht auch die zweite grosse Party auf dem Programm. Die Festival- Geburtstagsfeier. Im Yachtclub am Hafen trifft man sich zu Musik, Getränken und Tombolaspielen. Ein bisschen ist es auch das Fest für die vielen Volunteers. Das BISFF lebt von den wahrscheinlich gut über hundert freiwilligen Helfern, viele von ihnen Studenten. Generell werden wir Regisseure die ganze Woche sehr liebevoll umsorgt, das Organisationskomitee tut alles dafür, dass es den ausländischen Gästen an nichts mangelt und sie gut ins „koreanische Geschehen“ eingebunden werden.

Die Reise nach Busan war auf der einen Seite ein aufregender Tripp und auf der anderen Seite ein bisschen wie ein Aufenthalt im Robinson Club. Ich habe in nur fünf Tagen unfassbar viel erlebt und spannende Filmemacher kennen gelernt, war dabei aber so gut umsorgt wie selten. Es bleiben Erinnerungen an nächtelange Filmgespräche mit Regisseuren und Produzenten aus der ganzen Welt und netten Begegnungen mit den Festivalorganisatoren. Letztere steckten mir übrigens, dass Deutschland auf ihrer Gastland-Wunschliste steht, und zwar für 2015 oder 2016.

www.bisff.org