Façade Video Festival 2012

12.-16.9.2012

Bericht von Nicolas Schmidt (FOREVER)

Marlene meinte einmal, in Osteuropa sei man an experimentellen Filmen mehr interessiert, weil die Zeit dort 20 Jahre hinterher ist. Aber wer will schon gerne „hinten“ sein? Andererseits kenne ich so einige, die immer in der „zweiten“ oder gar letzten Reihe sitzen wollen. Können Menschen bzw. Strukturen nicht offener sein bzw. bleiben wenn sie „vorn“ sind?

12. September 2012: Ich fliege von Hamburg über München nach Sofia. Ich bin gespannt auf Bulgarien, war noch nie dort – Neugier besiegt Flugangst. Dem Landeanflug auf Sofia mit heftigen Turbulenzen folgt ein entsprechender Erschöpfungszustand, doch die Reise ist noch nicht zu Ende. Ich fahre mit dem Taxi zum Busbahnhof, im Radio läuft Talk Talk, R.E.M., Madonna, Snap! Die anschließende Busfahrt zur zweitgrößten Stadt Bulgariens wird circa zwei Stunden dauern. Der Fahrer hört leise Musik: Roxette, Scorpions, Phil Collins, ... – keine News, keine Reklame, CD? Gegen sechs komme ich am Zentrum für zeitgenössische Kunst an – ein altes, noch im Original erhaltenes Gebäude aus der Ära der Nationalen Wiedergeburt, wie mir Evelyn vom Festivalteam erklärt, gleich nachdem sie mich begrüßt hat. Dann zeigt sie mir noch das Apartment in der oberen Etage, wo ich die nächsten paar Nächte und Morgenstunden verbringen darf.
Bei der Eröffnungsveranstaltung um 20 Uhr treffe ich auf den Rest des Teams, andere Filmemacher und unglaublich offene, interessierte Besucher. Die Screenings finden Open Air statt, auf einem antiken Platz namens Lapidarium. Projiziert wird auf eine riesige Hauswand. Die Nacht ist warm, alle Stühle, Bänke und Geländer sind belegt. Am Festivalzelt gibt es Rot- und Weißwein, verschiedene Käsehäppchen, Erdbeeren, Trauben und eine gesalzene Nuss-Mandelmischung. Ich spezialisiere mich auf Mandeln.

Am zweiten Tag besuche ich die zum Festival gehörende Videoausstellung in einem alten römischen Bad – the Ancient Bath. Im Anschluss ein kleines Gespräch mit der Leiterin, die mir wenig später einen Typen vorstellt, der gerade nichts zu tun hat und bereit ist, mich zu dem nettesten Café der Altstadt zu geleiten. Das Café ist eher eine Bar. Aus einer Lautsprecherbox ertönen Elektro-80s wie Dead or Alive „You Spin Me Round (Like a Record)“, auf dem Fernseher hinter der Theke läuft VH1-Classic: „She's Like The Wind“ gefolgt von „Died In Your Arms Tonight“. Ich frage mich, warum mir bisher ausschließlich Musik der Achtziger und Neunziger begegnet ist – nicht ein neuerer Song. Ich denke an Marlene, ist die Zeit hier tatsächlich noch nicht so fortgeschritten, oder mag ein Großteil der Bevölkerung einfach nur bzw. ausschließlich jene Musik? Ich frage meine Begleitung, er versteht nicht, ich frage nicht weiter nach.
Zweite Vorführung, die Nacht ist sternenklar, plötzlich erscheint am Himmel ein großes, flackernd orange leuchtendes Objekt. Es bewegt sich mit der Geschwindigkeit eines Verkehrsflugzeuges, ist jedoch viel zu groß dafür. Auch ein Papierballon kann es keinesfalls sein. Ich denke an „Melancholia“. Sekunden später verschwindet das Objekt hinter der Fassade eines Hauses. Meine Sitznachbarin und ich sind verwirrt, ja sogar verängstigt. Sonst hat es scheinbar niemand bemerkt. Diesmal sind die Gespräche am Ende des Programms nicht so lang und ich ziemlich müde, das passt. Evelyn begleitet mich noch in mein Apartment um mir eine Decke und das W-LAN-Passwort zu geben. Gute Nacht. Das Bett ist bequem, ich schlafe gut, wache trotzdem auf. Von unten ist ein Rütteln zu hören – die Haustür. Nach wenigen Minuten Stille wieder Geräusche, ein Öffnen? Ich hole aus der Küche ein Messer, gehe langsam die Treppe hinunter, es ist dunkel und still, öffne langsam die Tür – Nichts. OK, nun ja, gut. Es ist immer noch recht warm, die wenigen Laternen tauchen die grobe Natursteinstraße vor mir in ein fast allzu märchenhaftes Licht. Ich beschließe noch ein wenig umher zulaufen. Die Gassen werden enger, dunkler und erwecken zunehmend einen noch verträumteren Anschein. Die Fassaden wirken bald sonderbar mysteriös, ja verwunschen unheimlich. Im Dunkel, einige Entfernung vor mir, bemerke ich eine Bewegung. Ich bleibe stehen, schaue nochmal genauer hin, erkenne aber nichts. Hinter dem nächsten Haus biege ich rechts ab, laufe noch einige Schritte weiter und sehe dann in weiter Entfernung tausende kleine Lichtpunkte, einige davon bewegen sich. Direkt vor mir jedoch ein Schwarz, dass nur langsam Zeichnung animmt. Minuten später erst bemerke ich das antike Theater direkt unter mir, doch meine Faszination wird jäh unterbrochen, als plötzlich Schritte zu hören sind. Sie kommen immer näher. Dann plötzlich ein Kopf. Er kommt direkt auf mich zu. Erst in unmittelbarer Nähe erkenne ich die Gesichtszüge der vollkommen in Schwarz gekleideten Frau. Es ist Steffi, sie saß vor wenigen Stunden neben mir, da sprachen wir über „Das Ende Der Welt, Wie Wir Sie Kennen“. Mit Erleichterung und der Freude über die Überraschung will ich sie umarmen, da bemerkt Sie, und dann auch ich, das Messer in meiner rechten Hand. Ich lasse es fallen, sie hebt es sofort auf und rammt es mit voller Wucht in mein Herz.
Also wache ich auf und empfinde die selbe Erleichterung, wie noch Minuten zuvor im Traum.
Bevor ich erneut einschlafe schaue ich noch mal bei Google vorbei – Begriff: Komet. Alle Bilder jeweils mit Schweif. Das Objekt am Himmel beim Filmprogramm hatte keinen. Fragezeichen.

In den folgenden Tagen schaue ich mir die Stadt an. Ich schlendere durch die engen Gassen der ach so pittoresken Altstadt und die weiten Straßen des Zentrums. Die Sonne sorgt für Temperaturen um die 33°C. „Plovdiv ist eine Reise wert.“ Jeden Abend vor Sonnenuntergang laufe ich zu dem, auf einem der vielen Hügel gelegenen, Amphitheater. Von dort schaue ich der Stadt im Tal, den Proben einer Tanzaufführung direkt vor mir, als auch der sich langsam hinter den Bergen versteckenden Sonne zu.
Nach dem Festivalscreening am Samstag zeigen mir Evelyn, Steffi und einige Andere die Stadt bei Nacht. Auf dem Weg zu diversen Tanzlokalen kommen wir an einer Felswand vorbei – ganz oben ein illuminierter Schriftzug: PLOVEDIV – LOVE in Pink. Ja, ich mache ein Foto. Die Nacht endet in einer Eck-Bar, die uns mit „Dancing With Tears In My Eyes“ begrüßt, „Don't You Want Me“ ablenkt und „Sweet Dreams“ verabschiedet.

Den letzten Tag und Details zum Rückflug lasse ich aus, die Länge des Berichtes steht nicht mehr im Verhältnis zum Sinn dessen.
Fazit: Plovdiv ist schön, nett und bezahlbar. Wer experimentelle Filme und warme Septembernächte schätzt, wird das Festival mögen und wer Musik der 80er und 90er liebt vielleicht nicht mehr weg wollen.

Wenn „der Zeit hinterher sein“ auch bedeutet, weniger festgefahren zu sein und dabei Entwicklungen von Neuem, Alternativen begünstigter sind, so könne dies in einem anderen, womöglich gar relevanteren Sinne auch als „Fortschritt“ im ewigen „Auf und Ab“ betrachtet werden.
Letztendlich ist es dann tatsächlich wohl so, dass Offenheit gegenüber Anderem umgekehrt proportional zum Entwicklungsstand der eigenen Festigung steht – Westeuropa ist zu weit ...

http://facade.arttoday.org/