IX International Short and Animation Film Festival Open Cinema 2013

02.–08.08.2013

Bericht von Alina Cyranek (FRACTURED)

„Privet!“ heißt es gleich am Pulkovo Airport von St. Petersburg seitens des Fahrers, der vom Festival engagiert wurde. Mein Gepäck und ich werden ins Auto geschoben, um dann mit einem Höllentempo und lautem russischen Jazz aus dem CD-Player durch das nächtliche St. Petersburg zu sausen. Vereinzelt sehe ich Poster des Festivals großflächig in der Stadt angebracht. Schön! Es ist schon etwa zwei Uhr morgens, als ich an der Tür des Hostels klingele. Hostel? Nun ja, es ist eher eine Vierraumwohnung, die an eine chaotische WG erinnert, in der echte Nerds über einem 3D-Drucker sitzen und Armbänder drucken. Nach einer Weile werde ich aber in mein Zimmer geführt, das sauber und gemütlich ist. Das Festival hat dafür einen Sonderpreis aushandeln können, das für St. Petersburger Verhältnisse auch wirklich günstig ist.
An Schlaf ist nicht zu denken, der Fahrer wartet unten, um mich zum Open Air Kino zu bringen, das das Festival in den ersten zwei Nächten veranstaltet. Ein Blick auf die BrückenApp verrät dem Fahrer, dass wir noch 15 Minuten haben, bevor sich die Brücken für den Schiffsverkehr öffnen. Los geht’s.
Am Strand vor der Peter-und-Paul-Festung, auf einer Insel mitten in der Stadt gelegen, wurde eine große Leinwand aufgebaut, wo aus über 1000 eingereichten Filmen eine Auswahl des diesjährigen Festivalprogramms gezeigt wird. Die Kulisse bildet eine einzigartige Stadtansicht mit der Eremitage, dem Winterpalast und den offenen Brücken. Magic! Um 3:30 Uhr sind noch fast alle der etwa 400 Gartenstühle besetzt, die Stimmung ist hervorragend. Meine wird etwas getrübt, als ein österreichischer Film zwar mit englischen Untertiteln gezeigt wird, dazu aber ein Lektor die Dialoge auf russisch ins Mikrofon brummt. Hat was, ist aber auf die Dauer anstrengend.

Das reguläre Festivalprogramm findet in einem wunderschönen alten Saal des Rodina Kinos statt. Neben den Kurzfilmwettbewerben in den Kategorien Fiction, Non-Fiction, Animation und Experimental gibt es ein üppiges Rahmenprogramm mit internationalen  Kurzfilmen.

Das Programm ist qualitativ hochkarätig, auch einige bereits bekannte Festivalgewinner finden sich im Programm wieder. Viele der Filme sind aus dem  Jahr 2013 und somit brandneu. Leider fehlen oftmals die Untertitel bei den  russischen Filmen, bei ausländischen Filmen wird jegliche Filmstimmung durch den Lektor zerstört. Das Festival kann sich eine russische Untertitelung nicht leisten und befürchtet zudem geringere Besucherzahlen durch einen Wegfall des Lektors. Die Russen scheinen recht bequeme Kinogänger zu sein, doch diese Screeningmethode funktioniert: Die Vorstellungen sind gut bis sehr gut besucht.

Die Zahl der internationalen Gäste ist vielleicht aber auch aus diesem Grund überschaubar: Nur eine Handvoll Schweizer von Swiss Films, die einen Schwerpunkt beim diesjährigen Festival haben und ich. Doch selbst russische Filmemacher sind rar. Dafür ist das Publikum sehr interessiert, die German Films Quaterlies, die Kurzfilmkataloge sowie die Short Reports gehen weg wie warme Semmeln. Auch meine Filmpostkarten mit den Logos von der AG Kurzfilm und German Films muss ich jeden Abend nachlegen. Über die DVDs freut sich die Festivalleitung, ein Jurymitglied, Swiss Films sowie ein russischer Filmemacher.

Ein paar Probleme gibt es mit dem Screening selbst. Alle Filme werden um einige Sekunden sowohl am Anfang als auch am Ende gekappt, es gibt technische Probleme (digitale Fehler). Auch mein Film FRACTURED erwischt es: Statt im 4:3 Format wird er im 16:9 Format gezeigt und macht aus der schlanken Tänzerin ein Moppelchen. Das ist sehr ärgerlich. Dafür ist der Sound gut und der Saal voll. Die Festivalleitung entschuldigt sich dafür nach dem Screening.
Filmgespräche gibt es nicht, ich darf nur zwei Sätze am Anfang des Filmblocks sagen. Der Grund dafür scheint die fehlende Dolmetscherkapazität zu sein, denn auch die Short Film Debuts der russischen Nachwuchsfilmemacher als auch die Meetings im Buchladen sind ausschließlich auf Russisch. Schade.

Für unsere kleine deutschsprachige Gruppe bestehend aus den Schweizern und mir wird ein Miniausflug in die Stadt organisiert, der uns an den riesigen Schlangen vor der Eremitage vorbeischleust und uns die Stadt von oben zeigt. Sagenhaft! Darüber hinaus – und das ist wohl das größte Manko des Festivals – gibt es leider keinen Treffpunkt für die Filmemacher, Jurymitglieder, Produzenten u.a. Ein Festivalbüro oder ein Café hätten dem Festival sehr gut getan. Stattdessen gehen nur diejenigen, die es rechtzeitig mitbekommen hatten, in eine der unzähligen Bars zu netten After- Screenings, die bis in die frühen Morgenstunden gehen. Inklusive russischer Herzlichkeit, Wärme und Vodka.

Tja, mein Fazit des Festivals fällt eigentlich nicht sehr positiv aus. Sollte man trotzdem hinfahren? JA. Denn ich glaube, dass das Festivalteam um eine Verbesserung bemüht ist und eine Chance auf ein internationales Publikum verdient hat. Ich habe den Eindruck, das Festival steht noch am Anfang und wächst jedes Jahr ein Stück heran. Potential ist jedenfalls vorhanden.
Trotz der Anstrengungen ums Visum, trotz langer Anreise, trotz horrenden Preisen im Stadtzentrum. St. Petersburg mit seinen Palästen, Museen und Galerien ist allemal eine Reise wert.

http://opencinemafest.com/