ISFVF Beijing 2012

04.-10.11.2012

Bericht von Matthias Zuder (ENCOUNTER)

Ein Besuch Chinas, und insbesondere das des International Student Film Festivals Bejijng  (ISFVF) kann durchaus den etwas spezielleren Festivalerlebnissen zugerechnet werden. Schon beim Verlassen des Airports ergeben sich sofort die markanten Unterschiede zur europäischen Kultur, die sich in vielen Bereichen, vor allem aber in Sachen der Kommunikation bemerkbar machen.  Nachdem ich mich bereits im Vorfeld darauf eingestellt hatte, dass ein Großteil der Chinesen der englischen Sprache nicht mächtig sein wird, überreichte ich dem Taxifahrer einen Zettel mit chinesischen Lettern, den ich vom Festival zum Ausdrucken zugeschickt bekommen hatte. Der Weg in die Innenstadt war von einem subtilen, aber dennoch beißenden Geruch begleitet. Der Smog, der für mich bislang nur ein Begriff war, hing tief, und die immensen Plattenbauten die so nach und nach im Abgasnebel am Rande der Fahrbahn vorbeizogen gaben mir das Gefühl in einem fiktiven, abgefuckten, überdimensionalen Ost-Berlin angekommen zu sein. Beeindruckend.

Das ISFVF wird von der Film Academy Beijing ausgerichtet, der angeblich kleinsten Filmhochschule der Stadt. So klein, dass man intern gerne Witze darüber macht, wie das von ihren den Studenten oft betont wird. Auf dem hauseigenen Campus befindet sich allerdings ein IMAX-Kino mit 850 Sitzen, ein äußerst imposant wirkendes Studio, ein Sportplatz der einem kleinen Stadion gleicht und ein akademie-eigenes Hotel, auf dem wir, und andere Gäste untergebracht werden. Außerdem gibt es noch zwei Supermärkte, zwei Restaurants und nicht zuletzt die aus europäischer Perspektive überdimensionalen Gebäude der Institution, die sich in zahlreiche, einzelne Gebäudekomplexe aufsplitten. Der Ausdruck „klein“ wird hierbei zu einer Frage der Dimensionsdefinition.

Am Festival- und Studiengelände angekommen wird man sofort von der engagierten Rebecca (denn jeder „Native“ in China trägt einen fiktiven englischen Namen, um ein schnelleres Merken für andere Kulturen zu erleichtern) eine der sogenannten  „VOLUNTEERS“ empfangen. Volunteers, das sind die frischgebackenen Filmstudenten der Akademie, die innerhalb ihres ersten Studienjahres eine zusätzliche Aufgabe haben:  nämlich der Akademie  zu dienen. Diesem Auftrag kamen alle Volunteers in peniblem Ausmaß nach, als gäbe es sonst kein Morgen mehr. Sie zählten darüber hinaus  auch zu den Wenigen, denen ich innerhalb meines Aufenthalts begegnete, mit denen eine englischsprachige Konversation möglich war – doch selbst mit ihnen schienen gewisse kommunikative Barrieren noch immer aufrecht. Ohne der Sprache mächtig zu sein, oder einen fähigen Guide zur Verfügung zu haben,  ist man in Peking schnell aufgeschmissen. Insofern ist es wirklich erforderlich wie praktisch, ständige Ansprechpartner um sich zu haben, die einem in allen möglichen Kommunikationsbelangen zur Seite stehen; sei es das Verfassen eines Wegbeschreibungszettels für die Taxifahrer, oder der Anruf beim Lieferservice.

Das Festival beginnt offiziell mit einer Eröffnungszeremonie,  in der man schnell merkt, dass dieses Festival „anders“ ist. Angefangen vom Buffet, dass bereits vor der Veranstaltung (und auch nur sehr kurz, etwa 1Std.) stattfindet, bis hin zur Tatsache, dass just neben einem die nordkoreanischen Botschafter aufstehen, um sich im Applaus des Saals zu verneigen. Dann das erste Programm der Screening Sessions. Die Filme, die so in der nächsten Woche am Festival laufen zeichnen sich allesamt durch ihr Streben nach Einzigartig- wie Eigenwilligkeit aus. Das Programm ist international gut gemischt, alle Filme erfüllen erwartungsgemäß einen gewissen Qualitätsstandart.

Die Campustour, die am darauffolgenden Tag stattfindet, und natürlich ebenfalls von den Volunteers organisiert wird, führt uns durch Teile des Campus und der diversen Räumlichkeiten. Besonderes Highlights der Tour stellen hierbei ein 4D Kino dar, in dem man mit Hilfe einer „4D Brille“ in eine Art Cyberspace eintauchen darf (wirklich sehr freaky und beeindruckend), und ein Saal mit Stuckverputz verzierter Leinwand, in dem uns ein sonderbares Computerspiel demonstriert wird. Die Studenten zockten da mit Wonne tatsächlich ein Game, in dem man am virtuellen, hauseigenen Campus in apokalyptischen Zuständen Amokläufe unternehmen, Helikopter abschießen und sowieso – am Ende den ganzen Campus in Schutt und Asche zerlegen konnte. Wir befanden uns im Herzstück des Animations-Lehrstuhls.

Am vierten Festivaltag dann mein Screening. Mein Film kam immens gut an, was ich in dieser speziellen Form so dann doch noch nicht erlebt hatte. Das chinesische Fachpublikum hielt sich in verbalen Gefühlsäußerungen während der Vorführung nicht zurück, und schien mit einer überdurschnittlich großen Staunbereitschaft auf die VisualEffects in meinem schwarz/weiss Thriller abzugehen. Die Fragen, die aus dem Publikum beim Q&A danach gestellt wurden waren aber zu meiner Verwunderung allesamt eher nüchterner, wirtschaftlicher, und weniger inhaltlicher Natur. Und auch die Interviews, die dann von hauseigenen Journalisten mit mir geführt wurden schienen mehr investigativer Herstellungsforschung nachzukommen, denn tatsächliche Interviews zu bedeuten. In mir wuchs das Gefühl, dass dieses Festival zu einem Hauptteil eben auch als Lehrveranstaltung der Universität dienen soll. Ich schmeckte die „Copy&Paste“ Mentalität, die man dem chinesischen Volk gemeinhin nachsagt, und bekam ob der übermäßig detailbezogenen technischen Fragen ein Gefühl, als ob sie meinen Film nächste Woche zur Übung ‚nachdrehen’ wollen würden.
 
In der Mitte des Festivals findet ein sogenanntes „Forum“ statt, an dem ein Kolloquium aus zahlreichen Vertretern der Pekinger Medienbranche sowie anderer Filmhochschulen mit uns (int. Regisseuren) über gewisse Themen sprechen möchte. Fokus ist die Zukunft der Filmschaffenden nach Beendigung ihrer Filmstudien. Die Idee klingt interessant, allerdings verkommt die Show zu einer verbalen Aneinanderreihung von Allgemeinplätzen, und die mäßige Übersetzung der Dolmetscherin machen das Event zu einer eher anstrengenden Angelegenheit., an deren Ende man nicht wirklich inspirierter oder schlauer als zuvor dasteht. Aber: im Rahmen des Festivals wird ebenso für all die internationalen Filmgäste eine Tour zum Sommerpalast (traditionellerweise sehr „chinesisch“ und wirklich „sehr schön“) sowie zur chinesischen Mauer organisiert. Von einem Besuch des allgemein zugänglichen  „Platz des Himmlischen Friedens“ allerdings wird mir von Seiten der Volunteers stark abgeraten. Es sei gerade Parteitag, was eben in dem Fall auch einen Machtwechsel bedeute, und ich würde mich mit meiner bloßen Anwesenheit damit in „große Schwierigkeiten“ bringen. Welche Sorte von „Schwierigkeiten“ das sein sollten, konnte (oder sollte) man mir zwar nicht erklären, ich sah aber ob meiner Liebe zur eigenen Freiheit davon ab diesen Versuch dennoch zu unternehmen.
 
China wie auch das Festival selbst präsentierten sich so durchläufig in einem einnehmenden, ominösen, skurrilen Gewand. Ein sonderbarer Cocktail. Ich hatte, obwohl ich in meinem Leben schon viele Länder besuchen durfte, in keinem anderen Land das Gefühl so fremd zu sein, obwohl man sich seitens der Fesitvalleitung dort wahrscheinlich genau um das Gegenteil bemühte. Peking und die Mentalität seiner Bewohner hinterließen in mir oft ein Fragezeichen.

Schließlich kommt es zu einem „fruitful and satisfying end“, wie es auf der offiziellen Homepage verlautbart wurde. Ich gewinne mit meinem Film einen von 10 Audience Awards, was mich dann doch schmeichelt, und  mich sehr freut. Dann geht die Show zu Ende.  Mit einer Live-Performance einer nordkoreanischen Tanztruppe versteht sich.

www.isfvf.cn/en