Open City Docs Fest 2012

21.-24.06.2012

Bericht von Romeo Grünfelder (PRINZIP ZUFALL)

2012 wurde mein Film "Prinzip Zufall" für das Programm International Shorts des Open City Docs Fest London ausgewählt.

Überblick über das Festival:
Open City Docs Fest ist ist eines von mehreren Projekten, die unter dem Label Open City Docs von Michael Stewart organisiert werden. Open City Docs geht nach eigenem Bekunden auf einen "transformativen Effekt auf die eigene Arbeit" an der UCL (University College London) zurück, die Filmvorführungen, Live-Events, Schulungen und Projekte während des ganzen Jahres, einschließlich Open City Docs Fest, MyStreet und Open City Docs School umfassen. Michael Stewart war independent producer, sowie in Verbindung der BBC tätig. Er hält Vorträge in Social Anthropology und trägt den Titel "Champion for Social Enterprise", nach Selbstbekundung "leader of knowledge exchange and research impact within its field".

Open City Docs Fest fand 2012 zum zweiten Mal statt und ist ein "Live-Festival" u.a. für dokumentarische Kurz- wie Langfilme, die den Fokus des Festivals zu bilden scheinen, obwohl das Festival weit mehr umfasst, nämlich eine schier unübersichtliche Zahl an "interaktiven Vorführungen, Veranstaltungen, Gespräche, Workshops, Performances, Musik, nicht zuletzt Essen und Trinken, Anregung und Genuss für jedermann" gemäß Selbstauskunft. Gezeigt wurden 130 Dokumentarfilme aus der "ganzen Welt", die Workshops fanden auf dem UCL Campus und im Cinema Zelt auf dem Torrington Square statt (u.a. Masterclass mit Nicolas Philibert, The Sound of Documentary, Documentary Distribution Workshop, Pitch Workshops etc). Programmkategorien bilden für Langfilme Science Frictions, Protest Works, Sound Waves, Still Lives, Artists Documentaries, The Image of the engineer, City Scope, World Vision sowie die Shorts Programme UK Shorts Portraits, Landscapes, special programs (Film Schools), curated programs, international und MyStreet. Die Auswahl der Festivalfilme organisiert ein dreiköpfiges Sichtungsteam, es werden 6 Preise an vorselektierte, dh nominierte Filme vergeben ohne Preisgeld: Grand Jury Award, Time Out Best City Film, Emerging UK Filmmaker, Emerging international Filmmaker, Best Short Film - den Grand Jury Price erhält 2012 der bereits mehrfach ausgezeichnete Film "5 broken cameras" von Emad Burnat, Guy Dividi - alle Preisträger aus dem Jahr 2012 sind auf der Internetseite nachzulesen. Die internationale Jury umfasst insgesamt 14 in Theorie und Praxis qualifizierte Personen, die mehr oder weniger mit Dokumentarfilm in Verbindung gebracht werden können.

Die online PR des Festivals ist vorbildlich organisiert. Es gibt einen newsletter, einen professionell gestalteten Online Auftritt, einen umfassenden blog, eine Presseseite mit aufgelisteten Hinweisen überwiegend lokaler Presseorgane (die zum Teil auch nur einen zweizeiligen Hinweis auf das Festival oder einen einzelnen Film umfassen). Offensichtlich steht das Festival in harter Konkurrenz zu zeitlich in kurzem Abstand vorausgegangenen Festivals, insbesondere “dem” Dokumentarfilmfestival in Sheffield. Die Anwesenheit der Preisträger von 5 broken cameras in England überhaupt und bei Screenings ihres Filmes an einem der Festival-assoziierten Aufführungsorten (Riverside Studios, Curzon Cinema, Cine Lumiere, Goethe Inst. ICA, SoAS, RADA) geht zB. nach Bekunden der Filmemacher eher auf ihre Einladung nach Sheffield zurück, von solchen Koinzidenzen profitiert jedoch Open City Docs Fest. Der gedruckte Katalog fällt hingegen aufgrund der unübersichtlicheren Gestaltung etwas hinter der der online Präsenz ab. Gründliche Vorbereitung mit dem Katalog oder am Infocounter war unumgänglich um sich einen Überblick über die Vielzahl an parallel stattfindenden Events und deren Priorisierung zu verschaffen. Mit Eventbrite stand ein Online-Ticket System zur Verfügung wie es von Major Festivals, wenn auch genuin und nicht von der "eventbrite-Stange", angeboten wird.

Michael Stewart schafft es offensichtlich, als Direktor des Gesamt-Spektakels unterschiedlichste Kräfte zu binden, angefangen von assoziierten Partnern, die im Trailer sowie auf den jeweiligen Veröffentlichungen und Werbemittel genannt werden, bis hin zu den Volontären und Praktikanten, die für die Technik und Organisationsaufgaben zuständig zeichnen.

Merkwürdigkeiten:
Das Festival hat nach eigenem Bekunden "extrem wenig Budget" zur freien Verfügung. Summen wurden kolportiert, die sich jedoch nirgendwo bestätigen ließen. Demgegenüber verwundert die sehr hohe Anzahl der erwähnten Kooperationen, Sponsoren und Partner, die offensichtlich nur “pro forma” Medienpartner, Austragungsorte, Vortragsgäste etc darstellen und dem Festival nur wenig eigenständige bzw finanzielle Handlungsoptionen gewähren.

Die Selbstauskunft einzelner Mitarbeiter "das Festival versuche, seinen provinziellen Charakter zu wahren" steht m.E. in krassem Widerspruch zum Webauftritt, zum umfassenden Veranstaltungs- und Programmangebot und zum Versuch, das Festival als internationales Festival zu positionieren. Auf der anderen Seite wird der provinzielle Ansatz in vielen anderen Details um so deutlicher:

Die Abspielorte - Darwin Theatre, Lightbox, Darkroom, AV Hill Theatre, Cinema Tent - erinnern im Namen zwar an Abspielorte und Kinos mittlerer und großer Filmfestivals. Leider waren fast alle Abspielorte nur Hörsäle der UCL, weder geeignet, Kinoatmosphäre zu schaffen noch dazu geeignet, eine professionelle Filmvorführung zu gewährleisten, wenn auch die Beamer und Bildqualität technisch und trotz widriger Umstände durchaus gut bis sehr gut war. Dem gegenüber standen: Einstreuendes Licht von Notbeleuchtungen direkt über der Tafelwand der Hörsäle, das die technisch gute Projektion ad absurdum führte. Videobeamer, die im Zelt auf wackeligen Sockeln und diese wiederum auf federndem Holzboden standen und das Bild mit jedem vorbeischreitenden Zuschauer a-rythmisch nachwippen ließ (und Zuschauer kamen und gingen rege während den Vorstellungen). Die wenigen Filme auf 16mm wurden von Projektoren auf nachwippenden Teetischen abgespielt. Die Filme aller Programmkategorien wurden von zwei Filmtechnikern von entsprechenden DV Kasetten, DVDs, BluRay gerippt, sofern sie nicht bereits als Datei vorlagen und direkt von der Timeline des Schnittprogramms Final Cut abgespielt, was teilweise zu Bildfehlern, Aussetzern, Shutter-Effekten etc führte. Marc Lewis zB. verließ bei der Projektion seiner Filme auf diese Art und Weise den Kinosaal um die mangelhafte Projektion zu reklamieren, was jedoch in Kürze nicht behoben werden konnte.

Assoziierte Partner wie das Riverside Studio, Frontline, Cine Lumiere etc konnten offensichtlich nicht als Festivalaustragungsort gewonnen werden, was durchaus - im Hinblick auf die sonstigen Kooperationsaktivitäten und -anstrengungen - sehr auffällig war. Erkannten die Verantwortlichen dieser Abspielstätten die mangelhafte dh. unprofessionelle Organisation der Organisatoren bereits im Vorfeld?

Auffällig war auch die geringe Zahl an zudem unkonzentrierten Zuschauern pro Vorstellung. Geschätzt besuchten die meisten Zuschauer - wie auch der Selbstdarstellung zu entnehmen - die Eröffnungs- und die Abschlußveranstaltung. Obwohl auch teilweise Schulklassen den Vorführungen beiwohnten, lag der Schnitt der Zahl an Zuschauer geschätzt bei 5 bis 30 Personen pro Vorstellung. Die Zahl variierte aufgrund der während den Vorstellungen ein- und ausgehenden Zuschauern.

Die Moderationen nach den Filmen fiel extrem unterschiedlich aus. Teilweise vorbereitet, übernahmen einige Moderatoren gefühlte 90% der Redezeit innerhalb der Diskussionen nach den Filmen, obgleich vom Publikum durchaus Gesprächsbedarf signalisiert wurde, andere Moderatoren begnügten sich mit ihrer scheinbar angeborenen Moderationsautorität, die weder Film noch Publikum gerecht wurden. Zum Teil wurde die technische Möglichkeit zur Nutzung von Mikrophonen als "open mike" uminterpretiert, dessen Output bisweilen wenig Informations- und noch weniger Unterhaltungswert besaß.

Personal:
Die Filmemacher, die ich treffen und sprechen konnte, bestätigten ihre Verlorenheit auf diesem Festival. Von Betreuung konnte keine Rede sein, die Kommunikation per mail im Vorfeld des Festivals, sowie auf dem Festival war - wenn überhaupt - ineffizient und absolut mangelhaft. Selbst im Nachgang werden Anfragen nicht beantwortet. Im Vorfeld konnten weder die Voraussetzungen für Abspielformate noch entsprechende Übernachtungsmöglichkeiten geklärt werden. Erst direkt im Vorführraum der Hörsäle waren konkrete Auskünfte erhältlich, woraus Handlungsoptionen erwuchsen, die naturgemäß nicht zur Entspannung hinter den Kulissen beitrugen. Mit Anfragen nach Auskünften zu Übernachtungsmöglichkeiten schien offensichtlich überhaupt niemand gerechnet zu haben. Mehrfache Nachfragen hinterließen den Eindruck, daß nicht nur nicht über die Möglichkeit, im entsprechenden Freundeskreis Übernachtungsmöglichkeiten zu organisieren, nachgedacht wurde, auch Hotelempfehlungen blieben aus. Als “letzte Option” wurde mir dankenswerterweise das Sofa des vielbeschäftigten Festivaldirektors angeboten, was sich dann jedoch noch als organisatorische Herausforderung herausstellte, der ich irgendwann nicht mehr hinterherzulaufen bereit war. Dankenswerterweise wurde ich von einem Teammitglied in ein nahegelegenes Hotel geführt, der an der Rezeption schließlich eine Instantan-Diskussion über Preisermäßigungen bei verstärkter Gästevermittlung seitens des Festivals zu führen versuchte. Das Festival war dabei schon seit anderthalb Tagen eröffnet.

Bei allen weitergehenden Anfragen, fiel in deutlicher Weise auf, daß der Festivalleiter Michael Stewart die maßgebliche Entscheidungshoheit in allen Bereichen bei sich behielt. Angesichts der überbordenden Organisation, entsprechend anfallender Aufgaben sowie der Notwendigkeit zur Aufgabenverteilung ein sträflicher Akt von Selbstüberschätzung, die durchaus in akademischer Weltfremdheit, Selbstüberforderung und Fachfremdheit zu suchen sein mag. Die Mangelhaftigkeit dieser flachen, pyramidal eng auf eine Person zugeschnittenen und ausgelegten Organisationstruktur offenbarte sich an vielen, zum Teil unerwarteten Stellen: selbstgebastelte Hinweisplakate auf Wellpappkarton gegenüber professioneller Online-Präsenz und eTicketing, mangelhafte Kommunikationsstrukturen im Vorfeld und während des Festivals gegenüber einer Anzahl umfangreicher Kooperationspartnern (mit denen schließlich in irgend einer Form über die Kooperation kommuniziert worden sein mußte). Jury Mitglieder (von der ich vermute, daß sie allein dem Netzwerk von Stewart entstammen) die in krassem Gegensatz zur Belanglosigkeit, die das Festival ausstrahlt, stehen. Ob die Juroren tatsächlich anwesend waren oder ob ihnen die wenigen nominierten Filme nicht einfach als digitale Kopie zur Verfügung gestellt wurden, konnte von mir nur in zwei Fällen und nur zum Teil beobachtet werden. Da alle Filme nur ein einziges Mal gezeigt wurden und nie alle Juroren in einem Programmblock gesichtet werden konnten, liegt letzteres nahe.

Insgesamt machte es den Eindruck, daß der Direktor Michael Stewart während des ganzjährigen Projektes Open City Docs - das allein schon von seiner Profilierung ein hohes Budget sowie einen starken personellen Mitarbeiterstab vermuten lassen sollte - offensichtlich nur Studenten für das Festival als Mitarbeiter rekrutiert, die wenig professionelles Verantwortungsbewußtsein an entscheidenden Stellen mitbringen und noch weniger entwickeln können und das Festival aufgrund dieses Volontärspatchwork und mangels Erfahrung als wenn auch ambitioniertes, so doch schlechtes Studentenscreening mutieren ließen. Überkanditelte  Moderatorenpersönlichkeiten halfen über diesen Aspekt leider nicht hinweg. Ebensowenig die gelungene Öffentlichkeitsarbeit, allen voran die Online-Präsenz, die einen völlig anderen Eindruck zu machen versuchte.

Schlußfolgerung:
Dem Festival bleibt zu wünschen, daß es sich weiterentwickelt. Mit einem anderen Direktor, mit einer tatsächlichen und nicht nur vorgegebenen professionellen Ausrichtung. Die Unverbindlichkeiten, sowie Selbst- wie Fremdberschätzung, die vielen technischen Unzulänglichkeiten, die krassen Gegensätze von Anspruch und Wirklichkeit disqualifizieren dieses überaus unerfreuliche Festival, sodaß eine Anmeldung und Teilnahme - sofern sich in Zukunft an der Struktur und der Umsetzung nichts ändert - von mir keinesfalls empfohlen werden kann.

www.opencitydocsfest.com