Ottawa International Animation Festival 2013

18.-22.9.2013

Bericht von Evgenia Gostrer (IM RAHMEN)

Dieses Jahr hatte ich die besondere Ehre, meinen Kurzfilm "Im Rahmen" auf dem Ottawa International Animation Festival persönlich auf der Reise zu begleiten. Und es war einmalig!

Ich war sehr aufgeregt. Kanada. Ein anderer Kontinent. Eine ganz andere Kultur. Langer Flug. Bedenken. Und sehr viel Vorfreude! Die Zeit im Flugzeug verging natürlich schneller als gedacht. Auch all die Passkontrollen in den USA. Als ich dann mit einem Koffer in den Wartebereich des Flughafens von Ottawa hinaus kam, stand schon eine junge Frau mit dem Festival-Schild da. Sie geleitete mich zu einem Counter, an dem mehrere internationale Filmemacher bereits da standen. Wir wurden in kleine Gruppen aufgeteilt und mit dem Taxi zu unseren Hotels gefahren. Das Hotel befand sich mitten in der Innenstand und in nmittelbarer Entfernung der Festival-Standorte.

Das großzügige Hotelzimmer teilte ich mit einer kanadischen Studentin. Wir verstanden uns auf Anhieb. Jeden Abend berichteten wir uns von unseren Erlebnissen, da uns oft unterschiedliche Sachen auf dem Festival interessierten.

Noch am gleichen Abend lief das Programm, in dem mein Film gezeigt wurde. Koffer abgestellt. Umgezogen. Festival-Pass abgeholt. Los ging´s. Für die Filmemacher des Abends waren in einem riesigen Kino, dessen Plätze 10 Minuten vor Beginn der Vorstellung fast vollständig besetzt waren, Plätze reserviert, zu denen man geleitet wurde. So traf ich auch ein paar andere Filmemacher, deren Filme gerade gezeigt wurden und die ich teilweise bereits von anderen Festivals kannte. Nach dem Film musste man kurz nach vorne – vor die Leinwand – in einen Lichtspot und kurz "Hallo" sagen. Sehr aufregend. Aber sehr sinnvoll. Denn so sah das Publikum ein Gesicht zum jeweiligen Film. Und Applaus tut natürlich unheimlich gut, wenn man den persönlich entgegen nimmt!

Gleich sehr positiv aufgefallen – das Programm war sehr gut durchmischt. Zu sehen waren alle Kategorien. Schularbeiten, Werbefilme, Studentenfilme, Filme unabhängiger etablierter und unbekannter Filmemacher. Jeder Film wurde vorher akustisch angekündigt. Jeder Filmemacher, der anwesend war, ebenfalls. Nach dem Film. Man wurde praktisch auf die Bühne geladen!

An die Party war an diesem Abend leider noch nicht zu denken, denn der Jet lag zwang mich zurück ins Hotel. Aber das Festival ging ja gerade erst los.

Am nächsten Morgen, gleich um 9.30 Uhr – "Meet the filmmaker", also einer Art Interview mit allen Filmemachern des vergangenen Abends. Diesmal an einem anderen Ort. Aber auch hier – der Saal war voll. Viele Menschen. Aller Altersgruppen. Filmemacher wurden einzeln auf die Bühne gebeten. Und vom Festival-Direktor interviewt. Chris Robinson hat jeden einzelnen Film ausgewählt. Und war sehr gut vorbereitet. Die Fragen waren sehr gut durchdacht. Sehr höflich formuliert. Immer mit einer Prise Humor. Sehr einfühlsam und reflektiert. Jeder Filmemacher kam zu Wort und bekam die Zeit, die er/sie brauchte. Als das Publikum nun an der Reihe war, war ich ganz überrascht, wie viele Menschen eine oder mehrere Fragen hatten. Alle Filmemacher kamen wieder zu Wort. Und das nicht nur einmal. Die Veranstaltung hat sogar am Ende länger gedauert, als es geplant war. Manchmal fehlten mir – und nicht nur mir – die Worte auf Englisch, um bestimmte Sachen zu erklären. Die Menschen waren aber sehr, sehr geduldig, drängten nicht, ich habe mich keinen einzigen Augenblick unwohl gefühlt.

Dies war der zweite "Pflichttermin", der auf meinem vom Festival-Team vorab per Mail geschickten Plan stand. Auch dieser war natürlich sehr aufregend. Und sehr sinnvoll. Noch Tage danach wurde ich auf unterschiedlichsten Veranstaltungen von Unbekannten darauf angesprochen. Es ergaben sich fast immer längere Gespräche. Angefangen mit Fragen und Interessensbekundungen. Meist waren es Filmemacher aus dem Nordamerikanischen Raum. Und es waren keine Small Talks. Er waren richtige Gespräche. In denen ich auch über die jeweiligen Gesprächspartner Vieles erfahren dürfen. Sehr persönlich. Sehr inspirierend. Und bereichernd.

Nun gab es sehr viele spannende Programme zu sichten. Angefangen von Schul- und Studentenpräsentationen bis hin zu Retrospektiven bekannter Animationsregisseure über Wettbewerbe und Interviews mit besonderen Gästen. Jeder Tag war gefüllt. Jeden Tag musste ich mich mehrmals entscheiden. Denn es war unmöglich alles zu sehen, da auch Einiges parallel stattfand.

Auch nahm ich mir einen halben Tag, um die Stadt ein wenig zu erkunden. Das Wetter war herrlich. Echter Indian Summer. Und viel zu sehen. Herrliche Bauten aus dem 17. – 19. Jahrhundert. Eine beachtliche Kunst-Sammlung. Ein wunderschöner weitläufiger Fluss und ein Kanal, auf dem Schifffahrten angeboten werden. Nach ein paar Stunden in Museen, wollte ich mir so eine Fahrt nicht entgehen lassen. Der Sonnenschein und die historischen Fakten zu Ottawa in Englisch und Französisch zugleich – noch nie war Geschichte lernen so entspannend.

Die Tage vergingen schnell. Jeden Vormittag – "Meet the filmmaker". Viel Zeit im Kino. Abends Parties. Zwischendrin Spaziergänge. Gespräche. Viele Gespräche.

Und dann noch ein dritter "Pflichttermin" – "Industrie"-Brunch. Eine Möglichkeit, beim Frühstück und Kaffee potenzielle Arbeitgeber kennen zu lernen, Portfolios vorzuzeigen, Visitenkarten auszutauschen oder einfach auch mit anderen Studenten in Gespräch zu kommen. Auch vorher hätte man die Möglichkeit gehabt, die Industrie kennen zu lernen. Denn parallel zum Filmfestival fand eine TV- und Karrieremesse statt. TAC. Mit Konferenzen und Vorträgen. Vorstellungen der Animationsschulen und -universitäten, TV-Programmen oder Projekten in Entwicklung. Auch dieser Termin hat sich als sehr sinnvoll und aufschlussreich heraus gestellt. Auch wenn ich mich nicht allzu offensiv auf Menschen zu bewegt habe, waren viele Gespräche entstanden, die sehr informativ. Neue Kontakte wurden geknüpft, was konkret daraus werden könnte, ist natürlich noch nicht klar. Eine großartige Erfahrung war und ist es nichtsdestotrotz.

Anschließend wurden alle Besucher in mehrere Busse "verfrachtet" und zum legendären Kürbis-Picknick gefahren. Es wurde also weiter reichlich gespeist und die Gespräche konnten ebenfalls fort gesetzt werden. Nur eben an der frischen Luft. Dabei konnte man sich einen Kürbis aussuchen und aus diesem eine spannende Figur schnitzen – einer Art Wettbewerb, deren Teilnehmer sehr eifrig in Gruppen an ausgefallensten Kreationen gewerkelt haben. Am Ende wurde sogar ein Sieger-Team prämiert. Da ich mich bei der Veranstaltung zuvor verquatscht habe, gab es nach der Ankunft unseres Busses keine Kürbisse mehr über. Gelangweilt habe ich mich dennoch nicht. Die herzliche Art der Gastgeber und sehr vieler kommunikativer Gäste ließ mich keinen Augenblick an die Uhrzeit denken.

Erst am Abend fand ich mich ganz erschöpft und zufrieden schweigend im Kino wieder. Das Festival neigte sich nun dem Ende zu. Die Award-Zeremonie in einer Kirche, einem der Festival-Veranstaltungsorte, die nicht mehr als Kirche genutzt wird, war sehr kurzweilig und wurde auch nicht unnötig mit Reden in die Länge gezogen. Die anschließende Party war fröhlich und lang. Umso mehr war ich darüber erstaunt, wie viele Menschen am Tag danach um 10 Uhr in der Früh wieder dort waren, um dem Gespräch mit Adam Elliot beizuwohnen. Das war für mich persönlich der krönende Abschluss der Festivaltage. Herzlich und sehr persönlich war dieses Interview. Ehrlich. Und sehr emotional. Aufrüttelnd. Und stärkend. Ich war danach mit sehr vieler positiver Energie geladen.

Und dies gilt auch für das ganze Festival. Super gut und perfekt durchdacht organisiert. Herzlicher und einfühlsamer Umgang mit Filmemachern und Besuchern. Der Festival-Direktor ist sehr offen, ist unermüdlich und hat Humor. Dies überträgt sich auf das ganze Festival-Team. Ich fühlte mich sehr willkommen und ernst genommen. Habe viele Filmemacher und -interessierte kennen gelernt. Mich gut

aufgehoben gefühlt. Mich keinen einzigen Augenblick gelangweilt. Sehr viel gesehen. Energie aufgeladen. Und Motivation. Und kann es nur empfehlen, den langen Flug auf sich zu nehmen! Es lohnt sich!