Nachalo / Beginning - International Festival of Debut and Student Films 2013

10.-17.10.2014

Bericht von Darja Pilz (ALTE SCHULE)

Am Abend vor dem Eröffnungstag des Debutfilmfestivals „Beginning / Nachalo“ in St. Petersburg erreichte ich den Flughafen Pulkovo, wo ich von der äußerst hilfsbereiten und gastfreundlichen Mitarbeiterin Maria in Empfang genommen und mit dem Shuttle-Bus der Petersburger Filmstudios „Lenfilm“ zum Hostel gefahren wurde Es war nicht mein erstes Mal in St. Petersburg; ich hatte von diesem besonderen Hostel bereits gehört. Die Zimmer mit einfacher Ausstattung befinden sich auf 3 verschiedenen Etagen in dem Künstler-Haus-Projekt „Loft Projekt Etagi“ recht zentral nur ca. 10-15 Minuten mit dem Bus vom Dom Kino / Kino Rodina entfernt. Dort findet das Festival statt. Schon das Wohnen in diesem Petersburger Szene-Projekt war ein Erlebnis für sich. Mit kleinen Manufakturen (Retro-Fotografie, Bücher/ Zeitschriften/ Comics), einem Bioladen im Erdgeschoss und diversen kostenlosen Ausstellungen auf jedem Stockwerk konnte man allein dort bereits einen halben Tag mit Besichtigungen verbringen.

Kurz im Hostel verschnauft, wich mir Maria weiterhin nicht von der Seite und begleitete mich zum Kino, um die Akkreditierung abzuholen und danach gute russische Blini zu essen, bei Gesprächen über Filmkultur und Politik. Maria selbst ist Studentin der Filmproduktion in Petersburg.

Am nächsten Tag wartet eine andere Mitarbeiterin im Hostel, um alle mittlerweile angereisten ausländischen Filmemacher, die im Hostel wohnen, zur Eröffnungsfeier zu fahren. Bereits bei der Fahrt zum Kino lerne ich 4 Filmemacher aus der ganzen Welt kennen (Iran, Georgien, Slowakei, Belgien). Im Kino warten 50 Flaschen russischer Champagner im Foyer; die fleißigen Volontäre köpfen eine Flasche nach der anderen.

Die Eröffnungsfeier erweist sich überraschend neuartig, mutig und poppig mit einer Pantomimen-Show. Zwei vermummte Männer schleichen zu atmosphärischer Musik mit Taschenlampen bewaffnet durch den dunklen Kinosaal, bis sie die geheime Tür zum Festival auf der Bühne finden und dort eine wortlose Pantomime-Performance zum besten geben. Zum Schluss heißt die Festivalleiterin Darya Nikitina den vollen Saal willkommen und eröffnet das Festival mit dem Filmportrait über Nick Cave 20.000 Days On Earth (Ian Forsyth, Jane Pollard).

Kaum wieder im Foyer, umkreisen mehrere aufgeregte Mitarbeiter alle angereisten Filmemacher, um sie zu einem nahegelegenen Restaurant und anschließend in eine Bar zu führen. Ich lerne weitere Filmemacher aus Spanien kennen. Dieses äußerst gastfreundliche Procedere wird sich jeden Abend wiederholen ...

Der zweite Tag ist ganz den Filmen des Festivals gewidmet. Zwei äußerst verschiedenartige Kurzfilmreihen und zwei weitere Debut-Spielfilme flimmern diesen Tag auf der Leinwand. Abends werden alle Filmemacher auf Wein im Keller des Kinos eingeladen. Dieser Raum wird für die nächsten 6 Tage Versammlungspunkt nach dem letzten Screening sein. In einer sehr familiären Atmosphäre werden die Filmerfahrungen des Tages bei einem Glas Wein ausgetauscht, Kontakte geknüpft, fremde Sprachen gelernt und einfach nur entspannt oder vorgeheizt, um danach das nächtliche St. Petersburg mit seinen mittlerweile zahlreichen äußerst hippen Bars kennenzulernen. Dabei bekommt man manchmal von der Festivalleitung und den Organisatoren höchstpersönlich den Tipp des Abends oder wird gar zur Bar geführt, wo bereits ein großer Tisch für alle Teilnehmer reserviert ist.

Mein eigenes Screening des Kurzfilmes „Alte Schule“, den ich als Kamerafrau im Bereich der student 5-minute fiction film competition vertrete (der Regisseur Ilker Catak ist zeitgleich auf einem anderen Festival eingeladen) lief einwandfrei. Die Projektionen werden in allen Formaten (DCP, Quicktime File, analoge Projektion) durchgeführt. Ich erlebe kein einziges Mal Fehler in der Projektion. Sogar findet einige Tage später ein zweites Screening statt, das die angereisten Filmemacher mit der Festivalorganisation auf die Beine stellen, um sich so die eigenen Werke gegenseitig nochmal vorzuführen und darüber zu diskutieren, falls man nicht bei allen Screenings der Kollegen dabei war. Zu diesem Zeitpunkt sind die angereisten Filmemacher (der Kreis hat sich um zwei New Yorker, einen Polen, einen Schweizer, einen Österreicher, zwei Rumäninnen und einen Aserbaidschaner erweitert) bereits eine eingeschworene Truppe, die keinen Abend ohne einander verbringt – doch auch in Gesellschaft der russischen Organisatoren und Filmemacher. Am Kinoeingang wird auf die Anderen gewartet, bevor man zum Abendessen marschiert oder man trifft sich im großen Speisesaal des Kinos zum kostenlosen Lunch. Zwei Filmemacher feiern während dem Festival Geburtstag und werden reichlich besungen und beschenkt.

Unsere Gastgeberin Maria lädt uns jeden zweiten Tag zu einer Exkursion am Vormittag ein. Und so besichtigen die Filmemacher samt Tourguide (das ist die belesene Maria höchstpersönlich) die Ermitage, das Viertel Dostojewskis rund um seinen Roman Verbrechen und Strafe und sogar ein entfernen Stadtteil um einen Blick auf das kalte Nordmeer zu werfen

Neben den durchweg interessanten Debutfilm-Beiträgen, von denen einige bereits den Weg auf die großen Filmfestivals machen, erlebte ich auf diesem Festival etwas noch Wertvolleres: Einen Kreis an Filmemachern aus aller Welt, die ehrlich (!) interessiert am künstlerischen und persönlichen Austausch waren und die mit einer sehr großen Bandbreite an filmischen Beiträgen und Weltansichten nicht nur die Screenings dieses Festivals sondern auch die Freizeit und jedes Gespräch bereichert haben.

Ich denke, das ist aber auch dem Festival zu verdanken. Bisher habe ich kaum ein anderes Festival erlebt, das eine solche familiäre Atmosphäre herstellt, so viel Gastfreundlichkeit bietet und derart Wert darauf legt, die Teilnehmer in Kontakt zu einander zu bringen und die Gemeinschaft um den Austausch unter den Filmemachern zu fördern. Und das tun die Organisatoren mit Herzblut und vollster Überzeugung. Ich bin froh und beeindruckt, was die Mitarbeiter, die selbst großteils Filmemacher des jungen, unabhängigen russischen Films sind, auf die Beine stellen (ehrenamtlich!) und wie sie eine solch angenehme Stimmung durch die ganze Woche aufrechterhalten. Ich denke, dass dieses aufstrebende Festival in den nächsten Jahren an Besucherzahlen und Teilnehmern wachsen wird. Eine Reise lohnt sich allemal wegen allen genannten Faktoren und – um es nicht zu vergessen – wegen der wunderschönen Stadt St. Petersburg und deren kleinen aber feinen Filmszene.