Palm Springs International ShortFest 2015

16.-22.06.2015

Bericht von Detsky Graffam (90 GRAD NORD)

„90 Grad Nord“ ist der erste Kurzfilm, für den wir Filmförderung beantragt und vom medienboard Berlin-Brandenburg erhalten haben. Wir haben eine Produktionsfirma gegründet und drehen erstmals auch die große Festivalrunde mit diesem Film. Als Neulinge haben wir wohl auch alle Fehler begangen, die es so gibt: Zuerst waren wir in Cannes – und zwar erst für die letzten fünf Tage, wo die Kurzfilmseminare und -interessenten schon vorbei bzw. weg waren. Hier erfuhr ich erst von unserer Annahme beim Palm Springs ShortFest, drei Wochen vor dem Event. In wilder Panik rief ich meine Frau und Produzentin an und nach Rücksprache mit der AG Kurzfilm und German Films, die uns freundlicherweise Unterstützung für die Reise nach Palm Springs zusagten, buchte sie mir einen Flug nach Los Angeles und ich mir eine Airbnb-Unterkunft und einen Leihwagen.

Das Internationale Kurzfilmfestival Hamburg ging am Sonntag zu Ende und ich flog völlig übermüdet am Tag danach aus dem verregneten Berlin los. Leider ging bei der Ankunft am Flughafen in LA meine Kreditkarte nicht (dummer Fehler, immer checken, dass sie freigeschaltet ist – wie auch die EC-Karte!!!) und nach einigem erfolglosen Herumtelefonieren musste ich 150 Dollar für einen Fahrer nach Palm Springs bezahlen. Nach dem Duschen in meiner netten Herberge lösten sich die meisten Probleme in Nichts auf, ich erreichte plötzlich meine Kreditkartenfirma und konnte mir einen Leihwagen holen – wobei das Preissystem ziemlich willkürlich ist, Augen auf beim Leihwagen-Buchen! Durch die enorm hohen Temperaturen über 40°C liefen im Radio Warnungen, nicht länger als 20 Minuten ohne Wasser draußen zu sein und das Festival bot leider keinen Shuttle in meine Richtung an. Ein Auto war leider ein Muss.

Beim ersten Treffen der Filmemacher traf ich dann gleich Bekannte aus Cannes wieder und es bildete sich eine nette kleine Gruppe von Filmemachern, mit der wir zusammen Filme guckten, Seminare besuchten (u.a. ein ganz großartiges von Jason Reitman) und auf Partys gingen – die meist nur bis 23h oder höchstens Mitternacht gingen und dann in diversen Hotels weitergefeiert wurden. Das Palm Springs-Publikum war einfach wunderbar! Viele, die ich traf, waren über 60-jährige aus der Gay-Szene. Alles war so herzlich und positiv mit überschwänglichen Lobeshymnen auf die Filmemacher, man fühlte sich wirklich bestätigt in seiner Arbeit und froh, dazu zu gehören. Denn auch die Filme, die ich sah, waren Weltklasse. Ich wurde enorm stolz, hier eingeladen zu sein, und auch etwas nervös, meinen Film hier laufen zu lassen. Aber die Premiere verlief gut und ich konnte viele Kontakte mit weit verstreuten Filmschaffenden knüpfen, die sicher in meiner zukünftigen Arbeit eine Rolle spielen werden. Wir hatten schon einen Vertriebsvertrag unterzeichnet, aber auch hierfür hätte es in Palm Springs viel Gelegenheit gegeben. Ich wurde von anderen Festivals eingeladen, „90 Grad Nord“ einzureichen, erhielt vom Goethe-Institut LA eine Anfrage, dass sie den Film zeigen wollen und sogar eine von einer Agentur für Regisseure in LA, die über mögliche Zusammenarbeit mit mir sprechen wollen.

Was hab ich also gelernt?
Erstens: früh der Facebook-Community des Festivals beitreten und mit Filmemachern eine Unterkunft und Leihwagen teilen.
Zweitens: auf jeden Fall die gesamte Festivalzeit da sein – es passiert die ganze Woche etwas Interessantes.
Drittens: die teilweise überwältigende amerikanische Fröhlichkeit hat auch ihre gute Seite; ich habe erlebt, wie man konstruktiv diplomatisch verpackte Kritik äußert.
Viertens: Du musst nicht nur Deinen eigenen Film promoten; die Freude an anderen Filmen ist etwas Großartiges! Es ist wichtig, diese Freude an Filmen, die mich begeistert haben, nicht nur auf den Networking-Events des Festivals persönlich, sondern auch auf den eigenen Social-Media-Plattformen zu äußern und damit andere Filmemacher öffentlich zu unterstützen. Im Gegensatz zur ziemlich verbreiteten Meinung, dass man seine Ideen hüten, sich promoten und sich über andere hinwegsetzen muss, hat die allgemeine Stimmung des Palm Springs ShortFest mir beigebracht: Du hast Talent, andere auch. Lernt Euch kennen, arbeitet zusammen, tauscht Euch aus und habt Spaß. Wer weiß, zusammen könntet Ihr etwas richtig Schönes schaffen.