Toronto International Film Festival 2015

10.-20.09.2015
Bericht von Benjamin Ramírez Pérez (A FIRE IN MY BRAIN THAT SEPARATES US)

Um meinen Film „A Fire in My Brain that Separates Us“ im Rahmen des Wavelengths-Programms beim Toronto International Film Festival 2015 zu präsentieren, reise ich Anfang September nach Kanada. Bereits bei meiner Ankunft fällt die große Präsenz des Festivals in der ganzen Stadt auf. So ist etwa ein Teil der King Street, eine der Hauptverkehrsstraßen in Downtown Toronto, für eine Woche als „Festival Street“ entlang der Hauptveranstaltungsorte, wie der TIFF Bell Lightbox, gesperrt. Nachdem ich meine Akkreditierung abgeholt habe, treffe ich mich mit Eli Horwatt. Der Programmer der diesjährigen Waveleghts-Sektion zusammen mit Andrea Picard, welche diese seit 2006 leitet.

Eli gibt mir eine kurze Führung durch die Programming Offices in der Lightbox sowie über die Festival Street und stellt mich bereits mehreren zufällig vorbei kommenden lokalen Filmemachern sowie Mitgliedern des Pleasure Dome Collectives vor, die auf der Festival Street gerade die Filminstallation „The Situated Cinema Project; in-camera“ aufbauen.

Am Abend findet die offizielle Eröffnung des Festivals statt. Zur Akkreditierung habe ich ein Ticket für den Eröffnungsfilm „Demolition“ mit Jake Gyllenhaal und Naomi Watts erhalten, sowie eine Einladung zur Festival-Eröffnungsparty – ein riesiges Event, welches sich über sämtliche Ebenen des TIFF Lightbox-Gebäudes erstreckt.

Der eigentliche Start der Wavelengths-Reihe findet dann am Freitag, 11.9., mit dem ersten Kurzfilmblock „Wavelengths 1: A Fire in the Brain“ statt, in dem auch mein Film zu sehen ist. Die Wavelengths Shorts werden in der Jackman Hall, dem Kinosaal der Art Gallery of Ontario (AGO) etwas abseits des Festivalzentrums auf der King Street gezeigt.

Vor dem Screening lerne ich schließlich auch Andrea Picard kennen, welche in die Vorführung einleitet und auch das abschließende Q&A führt. Das Programm beginnt mit Paul Sharits erst kürzlich neu entdecktem „3 D Movie“, für welchen das Publikum anaglyphische 3D-Brillen bekommt, so dass Sharits abstrakte Komposition von blauen und roten Farbflächen auf 16mm-Film eine räumliche Komponente erfährt. Auch die beiden nächsten Filme des Programms werden (wie viele der Arbeiten im Wavelengths-Programm) im Original 16mm-Format projiziert. So etwa Kerstin Schrödingers „Fugue“, bei dem zudem der Ton über das Bild – auf der Spur des optischen Tons – „generiert“ wird. Der Film wurde in Toronto selbst im Rahmen des LIFT Residency-Programms verwirklicht und gefällt mir sehr gut. Nach einem kurzen Beitrag von Charlotte Pryce („Prima Materia“) folgt mein Film „A Fire in My Brain That Separates Us“ als bis dahin erste digital produzierte und projizierte Arbeit. Darauf folgt mit Blake Williams' „Something Horizontal“ erneut ein 3D-Film, und den Abschluss des Programms bildet schließlich Peter Tscherkasskys „The Exquisite Corpus“. Im Anschluss werden die anwesenden Filmemacher auf die Bühne gebeten und in einem kurzen Gespräch mit Andrea Picard und dem Publikum erhält jeder noch Gelegenheit kurz über die Arbeit zu sprechen.

Ich bin mit der Zusammenstellung des Programms sehr zufrieden und nach der Vorführung gehen wir in einer Gruppe von Filmemachern, Freunden und anderen Festivalbesuchern in eine nahegelegene Bar, wo bei einem Bier weiter über die gezeigten Filme diskutiert wird. Dort lerne ich auch bereits weitere Filmemacher kennen, deren Screenings an den kommenden 3 Abenden ebenfalls in der Jackman Hall stattfinden. Wir beenden den Abend mit einem kurzen Abstecher zur jährlichen von Bruce La Bruce veranstalteten TIFF Party.

Den kommenden Tag beginne ich mit einem Festival Brunch, zu dem alle Filmemacher eingeladen sind. Ich lerne weitere, zum Teil auch neu angekommene Filmemacher kennen und gehe im Anschluss mit einer Gruppe zu einem Artist Talk von Apichatpong Weerasethakul im AGO. Er spricht über seinen neuen Film „Cemetary of Splendour,“ sowie über die Videoinstallation „Fireworks“, die ebenfalls im AGO im Rahmen des Wavelengths-Programms gezeigt wird. Denn dieses beinhaltet neben Kurz- und Langfilmen zudem eine Reihe von Installationen und Performances.

Es folgt das 2. Wavelenghts Shorts Programm „Yolo“, u.a. mit Filmen von Ben Rivers, Ben Russell, und im Anschluss daran bin ich zu einem Cocktail Empfang der Wavelengths-Sektion eingeladen. Hier führe ich erneut Gespräche mit vielen der eingeladenen Fimemachern, aber auch Künstlern und Filmemachern aus Toronto selbst. Ich werde erneut viel auf meinen Film angesprochen und es gibt Diskussionen über das bisherige Programm.

Am darauf folgenden Sonntag findet mittags der Empfang von German Films statt. Ich treffe dort neben Bekannten aus meiner ehemaligen Hochschule auch auf Filmemacher aus den Spiel- und Dokumentarfilmsektionen des Festivals und spreche mit Programmern unterschiedlicher Festivals, wie etwa dem Sundance Festival.

Abends findet erneut ein Wavelegths Shorts Programm („Light Space Modulator“) statt, wobei mir hier vor allem die Arbeiten von Björn Kämmerer („Navigator“), Mary Helena Clark („Palms“) und Ana Vaz („Occidente“) auffallen. Spätabends findet erneut eine Festival Party statt, das Filmfestival Locarno lädt ein.

Am Montag besuche ich tagsüber ein paar Galerien in der Nähe von Bloor/Dufferin. Mir gefällt hier vor allem die auch im Rahmen von Wavelenghts stattfindende Ausstellung „Fallen Objects“ von Shambhavi Kaul sehr gut. Das 4. und letzte der Wavelengths Shorts-Programme „Psychic Driving“ beschließt den Tag u.a. mit Filmen von Philippe Garrel („Actua 1“), William E. Jones („Psychic Driving“) und Sanuel M. Delgado und Helena Girón („Neither God nor Santa Maria“) statt.

Neben den Kurzfilmprogrammen sehe ich in der Festivalwoche noch eine Reihe von Langfilmen, wie etwa „Cemetary of Splendour“ von Apichatpong Weerasethaku oder der „Arabian Nights“-Trilogie von Miguel Gomes, die in einem Marathon-Screening am Stück gezeigt wird (Beim 3. Teil breche ich schließlich ab...) – bei dem breitgefächerten und oft hervorragendem Programm des Festivals muss ich allerdings auch auf viele Filmvorführungen verzichten bzw. Entscheidungen treffen.

Insgesamt bleibt mir mein Besuch in Toronto noch lange als intensive und bereichernde Erfahrung in Erinnerung, was sowohl den künstlerischen als auch den persönlichen Austausch mit anderen Festivalteilnehmern und Besuchern anbelangt.