Grand Off – World Independent Film Awards Warschau 2015

03.-07.12.2015
Bericht von Nicolas Ehret (NACH DER WAHRHEIT)

Seit 2006 verleiht das Grand Off Festival in Warschau den World Independent Film Award an unabhängige Kurzfilmproduktionen aus aller Welt, in den Kategorien: bester Spielfilm, bester Dokumentarfilm, beste Regie, bestes Drehbuch, beste Bildgestaltung, bester Darsteller, beste Darstellerin, bestes Szenenbild, bester Schnitt, beste Animation und bester polnischer Film. Hierfür bildet sich eine ebenso internationale Jury aus Filmschaffenden aus rund 24 Ländern.

Dieses Jahr erstreckte sich das Festival über drei Tage vom 3. bis zum 5. Dezember 2015 und ich durfte mich glücklich schätzen, mit meinem Kurzfilm NACH DER WAHRHEIT in der Kategorie 'Best Fiction' nominiert zu sein. Mit der freundlichen Unterstützung der AG-Kurzfilm und German Films flog ich also zusammen mit meinem Kameramann Dennis Mill nach Warschau. Die Festivalleitung hatte mich plus ein weiteres Teammitglied für drei Übernachtungen zur Festivalzeit nach Warschau eingeladen. Für die Reisekosten kam das Festival zwar nicht auf, dafür wurden wir aber im sehr luxuriösen InterContinental Hotel im Herzen Warschaus, mit Blick aus dem 10. Stockwerk, gleich neben dem beeindruckenden Kulturpalast, untergebracht.

Wir wurden im Hotelfoyer von den Festivalmitarbeiterinnen, die dort einen Info- und Akkreditierungsstand errichtet hatten, sehr herzlich empfangen und mit allem ausgestattet, was für die folgenden Tage wichtig sein würde. Nach unserem Check-In wurden wir direkt zu einer abendlichen Zusammenkunft aller Filmemacher und Juroren eingeladen, zu welcher man sich um 18 h im Foyer zusammen finden sollte.

Wir bezogen also unser Zimmer, fanden den Pool- und Saunabereich im glasverkleideten 43. Stockwerk des Hotels, von wo aus man über ganz Warschau blicken konnte, und inspizierten die überaus reichliche Frühstückskarte. Auch an einem Kissen-Menü neben unseren Betten fehlte es nicht, wo man nach Wahl neue Kissenfüllungen bestellen konnte...

Am Abend fanden sich dann alle weiteren Festivalgäste zusammen und gemeinsam machten wir uns auf einen 20 minütigen Fußmarsch zu einem rustikalen aber gemütlichen und lebhaften Lokal, wo man für uns einen Extraraum reserviert hatte und wo wir vom Festivalleiter Witold Kon persönlich begrüßt wurden. Es wurde reichlich traditionelle polnische Gerichte serviert und rund 50 Gäste, bestehend aus sowohl Juroren und Filmemachern (vorwiegend Nachwuchsfilmemacher) setzten sich zusammen und der Abend bot so zahlreiche Gelegenheiten einander kennen zu lernen. Da die Jury-Entscheidungen bereits getroffen worden waren und die Juroren die Ergebnisse selbst nicht kannten, da diese Wahl mit einem Punktesystem entschieden wurden, konnte man sich frei und offen über die verschiedenen Arbeiten unterhalten und es kam eine durchaus familiäre Stimmung auf.

Am folgenden Vormittag hatte das Festival, nach einem ausgiebigen Frühstück, für alle die wollten, eine Stadttour geplant, welche sowohl eine Busrundfahrt, einen Rundgang durch die Altstadt und einen Besuch des Chopin-Museums beinhaltete. Auch hier ergaben sich viele Gelegenheiten mit anderen Gästen ins Gespräch zu kommen und einander ein wenig kennen zu lernen.  

Am Nachmittag machten wir uns auf zum LUNA KINO, in welchem die Screenings stattfinden sollten. Hier wartete leider eine große Enttäuschung auf uns, welche, wie sich in späteren Gesprächen herausstellte, von allen anderen Filmemachern geteilt wurde. Dass das Kino selbst mit nur einem Plakat auf das Festival aufmerksam machte und im Kinofoyer nur ein paar weitere hingen und sonst wenig Aufwand in eine Festivalatmosphäre gesteckt worden war, wäre nicht schlimm gewesen, wenn die Screenings selbst nicht so arm ausgefallen wären. Der recht große Kinosaal war nur sehr spärlich besucht. Lediglich einige weitere interessierte Filmemacher und eine Hand voll Bürger und Schüler aus Warschau wohnten den Filmen bei und es herrschte ein ständiges, unruhiges Kommen und Gehen. Dazu kam, dass die Qualität der gescreenten Filme leider mehr als bescheiden war. Zwar hatte das Festival von den Filmemachern eine Blu-Ray ihrer Filme angefordert, diese wurden dann allerdings, so schien es, gerippt, mit polnischen Untertiteln versehen, und wieder auf DVD gebrannt. Das Ergebnis, welches dann von einem sehr alten schwachen Projektor über die Leinwand geworfen wurde, hatte leider nur noch sehr wenig mit dem zu tun, was man eingereicht hatte. Was darüber hinaus sehr schade war, war dass die Filme ohne Unterbrechung hinter einander weg gezeigt wurden, ohne dass die Filmemacher zumindest kurz vorgestellt worden wären, und man zwar viele Leute bereits kennen gelernt hatte, aber man die Filme nicht automatisch mit den Gesichtern in Verbindung hätte bringen können.

So waren die Filmvorführungen alles in allem eine große Ernüchterung, und trübten die Stimmung ein wenig, da die Filme doch eigentlich im Mittelpunkt der ganzen Veranstaltung hätten stehen sollen, und nicht ein Kissen-Menü oder solcherlei Dinge...

Beide Nachmittage seit unserer Ankunft verbrachten wir im Festivalkino und wurden, sah man einmal über die schlechten Projektionen hinweg, mit zahlreichen Filmen belohnt, welche ein ausgesprochen hohes künstlerisches und handwerkliches Niveau mit sich brachten. Dabei fiel auf, dass die Spannbreite zwischen unterschiedlichsten Stil- und Erzählformen sehr groß war und eine große Vielfalt an den Tag legte, was gewiss auch der internationalen Auswahl zuzusprechen war.

Am Abend des 5. Dezembers fand dann die Preisverleihung im Syrena Theater statt. Hierfür wurden wiederum alle Register gezogen und ein großer Aufwand betrieben, um eine glamouröse Gala zu veranstalten. Die Preisverleihung war voll besucht und es fanden sich neben den Festivalgästen auch viele bekannte (mir leider unbekannte) Persönlichkeiten der polnischen Film- und Fernsehwelt im Publikum. Von den ca. 1800 eingereichten Filmen, von denen etwa 59 nominiert waren, sollten nun jeweils einer, in jeder der 11 Kategorien einen Award erhalten. Hierfür standen schwere goldene, von Filmstreifen beflügelte Figuren auf schwarzen Marmorsockeln bereit, um in die Hände der Gewinner zu fallen und zwei Harfenspielerinnen begleiteten die Zeremonie.

Im Anschluss der gut anderthalbstündigen Preisverleihung, von der ich leider nur sehr wenig verstand, gab es noch ein schönes Buffet und Getränke, ein Passfotoautomat vor der Sponsorenwand und einen schönen Ausklang, bevor wir mit einer großen Gruppe anderer junger Filmemacher noch das Warschauer Nachtleben erkundeten.

Alles in allem, ein sehr schönes Festival, das sich sehr um seine geladenen Gäste sorgt, aber leider nur den Fokus ein wenig mehr auf den eigentlichen Inhalt, die Filme, legen könnte.

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