Chicago International Childrens Filmfestival 2015

23.10.–02.11.2015
Bericht von Stephanie Englert (Get ready mit Memy)

Zuerst einmal will ich mich bei Ihnen bedanken für die finanzielle Unterstützung, die es mir ermöglichte das Filmfestival in Chicago zu besuchen und unvergessliche 10 Tage zu erleben.

Kaum gelandet, startete das Festival mit einer Opening Party. Hier nahm ich nicht nur meine Akkreditierung entgegen, sondern gewann auch die ersten Eindrücke vom Ambiente und der Organisation. Hauptaustragungsort war ein kleines Kinotheater in der Fullerton Ave unweit entfernt von Downtown Chicago. Eine stets blinkende und erleuchtete Kinotafel, wie man sie aus diversen amerikanischen Filmen kennt, war nicht zu übersehen: „Facets – Chicago International Children FilmFestival – CICFF 2015“.
Innen empfing mich eine kleine Runde von Menschen, die der Facets-Organisation angehörte. Mein Name wurde direkt zu meinem Film zugeordnet und mit den freundlichen Worten „You are Stephanie? – We love Memy so much.“ begleitet.
Es war schön, direkt das Gefühl zu bekommen, erwartet zu werden. Freudig und etwas aufgeregt nahm ich in dem kleinen Theater Platz, um die Einführungsveranstaltung zu sehen.

Leider waren sonst keine weiteren Filmemacher zu diesem Opening Event erschienen, laut der Organisation sollten sie erst im Laufe der Woche eintreffen. Ein erstes Screening ausgewählter Shorts folgte, und ließ einen ersten Eindruck vermitteln. Ein sehr gemischtes Filmprogramm, darunter viele Animationen aus Frankreich und anderen europäischen Ländern. Sehr charmante kleine Kurzfilme, die mit viel Herzblut gemacht wurden.

Zwei von den Hauptorganisatoren, Kathleen Beckmann (Manager) und Ann Vikstrom (Programming Director), haben sich der Runde vorgestellt und moderierten den Abend. Mit beiden hatte ich in den darauffolgenden Tagen noch mehr zu tun.

Noch beeindruckt von den neuen Eindrücken und geschafft von der langen Reise, setzte ich mich anschließend in den Zug zurück zu meiner privaten Unterkunft. Erst jetzt realisierte ich, dass es eine ganze Stunde vom Festival zum entfernten Pilsen benötigt, einem jungen, eher südamerikanisch und künstlerisch angehauchten Viertel von Chicago. Eine Gegend, die sich noch im Umbruch befindet und von Touristen eher selten besucht wird. Schnellen Schrittes erreichte ich endlich meine Unterkunft und somit meinen langersehnten Schlaf.

Am nächsten Tag machte ich mich direkt auf in die Stadt zum Festival. Der Film „Adama“ von Simon Ruby wurde in einer französischen Schule (AF Alliance) mitten in Downtown gezeigt. Dieser französische Animation Feature Film wurde schlussendlich auch mit mehreren Preisen ausgezeichnet. Der Regisseur und Macher war anwesend und stand nach dem Film Rede und Antwort. Ein beeindruckender Film über einen kleinen afrikanischen Jungen, der seinen für die Franzosen im ersten Weltkrieg dienenden älteren Bruder in die Heimat zurückholen will. Eine wunderbare Arbeit, die mehr als 7 Jahre in Anspruch nahm. Nach diesem Film war ich mir sicher, noch weitere großartige Filme auf diesem Festival sehen zu können.

Gegen Abend trafen noch weitere Filmemacher ein: Barbara Kronenberg, ebenfalls von der KHM , und Lara Belov, eine brasilianische Filmemacherin. Wir verstanden uns auf Anhieb sehr gut und verfolgten die kommenden Filme aus dem Programm gemeinsam. Für den nächsten Tag war das erste Screening meines Filmes angekündigt und ich war jetzt schon sehr aufgeregt.

Es war Sonntagmorgen. Nach meiner täglichen Reise von Pilsen bis zum Facet Theater, erwarteten mich schon die ersten Kinder für das heutige Kurzfilmprogramm.
Auch wenn die Untertitel meines Films für anfängliche Unruhe sorgten, so konnte ich beobachten, dass nach kurzer Zeit alle dem Film konzentriert folgten. Das Screening war aufregend, da die Kinder, fast ausschließlich afroamerikanischer Herkunft zu meiner Filmmusik mitschnalzten, mitsangen oder auch stets Kommentare einwarfen. Ein regelrecht lebhaftes und dankbares Publikum. Nach dem Kurzfilmblock wurde ich zur Frage und Antwort-Session nach vorne gebeten. Es war unglaublich wie viele Fragen auftauchten, die mich die ganze Woche über begleiten sollten. Ein türkisches Mädchen mit muslimischem Hintergrund und einem betenden Vater scheinen hier nicht alltäglich zu sein. Viele Fragen zum „Türkischsein“ und zu meiner Person fanden hier große Aufmerksamkeit. Erleichtert und gleichsam beeindruckt ging das erste Screening zu Ende und die nächsten Kurzfilme folgten.

Bezüglich der Größenordnung des Festivals war ich eher von kleinen Theatern ausgegangen. Jedoch musste ich diese Vorstellung bei meinem zweiten Screening im Logan Center auf dem Campus der Columbia University, wo bereits Obama studierte, ablegen. Begleitet von einem mexikanischen Filmemacher namens Robin Morales machte ich mich auf die Reise in den „gefährlichen“ Süden Chicagos. Ausgenommen von dem Universitätsgelände, scheint diese Gegend eher umstritten zu sein. Die vielen ankommenden Kinder und die Größe des Theaters machten uns beide etwas nervös. Nahezu 500 Kinder waren jetzt im Logan Center und verfolgten die Kurzfilme. Ife Olatunji war die Moderatorin, die sowohl die Filme thematisch vorstellte als auch anschließend die Diskussionen führte. Ein ebenfalls ausschließlich afroamerikanisches Publikum, das ähnlich lebhaftes Verhalten während des Films zeigte, wie bereits beim ersten Screening. Wahnsinnig nervös wurde ich erneut auf die Bühne geholt und ich beantwortete wiederum alle Fragen zu meinem Film und zu meiner Person. Es waren ähnliche Fragen, wie man sie mir bereits gestellt hatte. Was sei meine Motivation und Inspiration für den Film?, Wie habe ich Memy gefunden?, Wie lange habe es gedauert den Film zu machen?, Was haben Memys Eltern dazu gesagt?, Woran arbeite ich jetzt?, Und warum und wie sei ich Filmemacherin geworden?. Es war ein 30minütiges Gespräch mit den Kindern im Alter von 10-14 Jahren. Beeindruckend war deren Engagement Fragen zu stellen. 100te Hände winkten ungeduldig vom Publikum auf. Auf meinem Weg zurück zum Platz, bedankten sich einige Lehrer teilweise mit Handschlag für meine Arbeit und das interessante Interview. Ein tolles Erlebnis, das ich so noch nie erlebt habe und mich nachhaltig beeindruckt und gerührt hat.

Nach diesem aufregenden Ereignis machte ich mich erst mal auf, um die Stadt Chicago näher zu erkunden. Eine Stadt, die mehr als 10 Tage benötigt um entdeckt zu werden, denn hinter jeder Ecke lauert ein neues Erlebnis, eine kurze Begegnung oder auch eine beeindruckende Szenerie. Überall wird Musik gespielt, gesungen und ohne Stress von einem zum nächsten Ort gegangen.

Ein weiteres größeres Screening erwartete mich in dem Music Box Theater, ein im Norden gelegenes großes Kinotheater aus dem 19. Jahrhundert. Eine große, alte Eingangshalle führte in einen großen mit roten Samtstühlen bestuhlten Theatersaal. Die Leinwand war noch mit einem schweren rotem Vorhang verdeckt, das Theater war noch leer, lediglich der Moderator Eric Holst empfing mich zusammen mit dem ebenfalls anwesenden Filmemacher James Everett. Aufgeregt warteten wir wieder auf die Ankunft der Schulbusse. Dieses Mal waren es ca. 400 Kinder.

Lange verweilen konnte ich leider nicht, da ich wieder zurück zu einer Fragestunde an die Columbia Universität musste. Aufgrund des kurzen Zeitfensters nahm ich mir ein Taxi, um schnellstmöglich zum Logan Center zu gelangen. Es sind wieder einmal rund 700 Kinder da. Diesmal im Alter von14-17Jahren.. . Die Fragestunde wurde von Brent Rolland moderiert und beeindruckte mich mehr als alle anderen Interviews. Besonders viele interessante Fragen zur muslimischen Religion und zu dessen Frauenbild wurden gestellt. Was für eine Bedeutung habe Make-up bei Muslimen?, Inwieweit habe sich Memy durch das Filmen und ihren Channel verändert?, Welche Herausforderungen mit der Religion stellten sich mir?, Worin läge mein Interesse Dokumentarfilmerin zu sein?, Was interessiere mich am Filmemachen?, ...etc. Fragen, die eine ungeheure Energie von mir erforderten, wahrheitsgemäß und ehrlich beantwortet zu werden. Völlig ausgepowert aber auch positiv beeindruckt, ging ich anschließend über Stunden in der Stadt spazieren. Fragen und Gesichter, die mich veranlassten, die Eindrücke sogar aufzuschreiben.

Das Festival ging langsam dem Ende zu. Viele Kontakte konnte ich knüpfen, u.a. mit anderen Filmemachern, die für die Zukunft Kooperationen versprechen, aber auch mit den Kontaktpersonen der Festivalorganisation. Es scheint, dass die Organisation sehr daran interessiert ist, bestehende Verbindungen zu Filmemachen aufrecht zu erhalten, was mich natürlich zuversichtlich stimmt ein weiteres Mal dort teilzunehmen. Ein Beispiel dafür ist der deutsche Filmemacher André Hörmann, ein alljährlicher Begleiter des Festivals. Er dreht nicht nur regelmäßig Kinderproduktionen, die jedes Jahr auf dem Festival gezeigt werden, sondern leitet auch einen Workshop, der mittlerweile zum Rahmenprogramm gehört.

Ich bin wirklich froh, viele faszinierende Menschen getroffen zu haben, die daran interessiert sind meine Arbeiten weiterhin zu verfolgen.
Die Closing Party beendete das Festival und viele Filme u.a. „Adama“ von Simon Ruby, oder auch ein Film von A. Hörmann wurden ausgezeichnet.
Das „Facets“ ist ein schönes, individuelles und sehr persönliches Festival, das für seine nette Betreuung und gute Organisation von Klassenscreenings sehr zu empfehlen ist.

Nochmals möchte ich mich zum Schluss für diese Erfahrung recht herzlich bedanken. Nicht nur Chicago hat dazu beigetragen, dass es ein unvergessliches Ereignis war, sondern auch die vielen Menschen, mit denen ich über meine oder deren Filme sprechen konnte.