54. Ann Arbor Film Festival 2016

15.03. - 20.03.2016
Bericht von Martin Sulzer (KING JAMES VERSION GENESIS CHAPTER NINETEEN)

Ich habe mich sehr gefreut, in diesem Jahr mit meiner Arbeit KING JAMES VERSION GENESIS CHAPTER NINETEEN zum 54. Ann Arbor Film Festival eingeladen zu werden. Zum einen ist es das älteste und wichtigste Festival für experimentellen Film weltweit - seit Jahren wollte ich das Festival schon besuchen – und im Jahr 2015 lief dort das erste Mal ein Film von mir (Kingdom Come: Rituals in Zusammenarbeit mit Vika Kirchenbauer), es war mir aber damals zeitlich nicht möglich, persönlich nach Ann Arbor zu fahren. Zum anderen ist der nordamerikanische Kontext für meinen Film besonders interessant, da sich mein Film explizit auf eine dort sehr verbreitete Bibel-Übersetzung (King James Version, kurz KJV) bezieht.

Ich wurde direkt vom Flughafen in Detroit abgeholt und bei einem sehr netten Host privat untergebracht, mein Zimmer hatte eine eigene Toilette mit Dusche. Da ich es aus Berlin gewöhnt bin, größere Stecken zu laufen, konnte ich alles zu Fuß erreichen. Die Screenings waren alle im imposanten Michigan Theater ###. Die, das Festival begleitenden, Ausstellungen wurden an verschiedenen Orten wie Galerien, Räumen in der Universität sowie Museen präsentiert. Alles war sehr toll organisiert - sehr schön war auch zu sehen, wie stark das Festival in die Community dort integriert ist.

Das Programming war in großen Teilen sehr gut. In der Competiton waren viele herausfordernde und spannende Arbeiten zu sehen. Es war gut, den neuesten Film von Nazlı Dinçel Solitary Acts' im Kino zu sehen. Beeindruckt haben mich auch ears, nose and throat von Kevin Jerome Everson sowie (conical signal) von arc. Ich persönlich kann die Faszination für 8 mm / 16 mm Experimentalfilm, die in vielen Teilen Nordamerikas vorherrscht, nicht nachzuvollziehen. Für meinen Geschmack führt die starke Romantisierung und das vielbeschworene „Analog-Gefühl“ bzw. diese bestimmte Art von Sentimentalität des grobkörnigen Filmmaterials selten zu einem Erkenntnisgewinn.

Die Retrospektive von Carl McDowel war mein persönliches Highlight. Seine Verbindung aus intelligenten Konzepten, Voice Overs und einer Menge von bisexuellen Handlungen haben auch nach 40 Jahren nichts von ihrer Frische verloren. Auf dem Festival wurden nun zum ersten Mal die restaurierten Fassungen seines Werks gezeigt.

Mein Film lief im Animations-Block, was ich etwas unpassend fand. Generell - und dies gilt für alle Festivals mit einem anspruchsvollen Programming auf diesem hohen Niveau - bitte keine „Spezial- Programme“ wie Animation, Queer oder Regional. Es klassifiziert Filme in einer sehr langweiligen Art und Weise: als ob z.B. queere Film nicht das „klassische Publikum“ belästigen sollen...

In meinem Fall war es sogar unerwartet spannend, meine Arbeit im Kontext von netten handgezeichneten Animationen zu sehen. Wie zu erwarten, war die Reaktion auf meinem Film intensiv, aber positiv. Mein Screening war (wie viele andere auch) ausverkauft - was bei einem Festival für experimentellen Film und angesichts der Größe des Kinos sehr beeindruckend ist.

Es ergaben sich viele neue internationale Kontakte für mich, so konnte ich z.B. viele Kuratoren von verschiedenen Festivals und Institutionen kennenlernen. Unter anderem hat sich Roger Beebe, der Gründer des FlexFests in Florida (und Filmprofessor) sehr über die neuste Ausgabe der Sichtungs-DVD der AG Kurzfilm gefreut.

http://www.aafilmfest.org/